Gratis-Interview  Heroes

Heroes

Retter der Tafelrunde

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  • Daniel Hofer
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Die Berliner Team des Gleichberechtigungsprojekts „Heroes“ setzt sich an Schulen gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre ein und folgt dabei einem ungewöhnlichen Konzept. Dafür werden junge Männer mit Migrationshintergrund aus sozialen Milieus mit strikten Ehrvorschriften rekrutiert, um gewaltpräventive Workshops in der eigenen Nachbarschaft zu leiten. Was sich zunächst kompliziert und theoretisch anhört, wird schnell anschaulich und konkret, wenn man einem ihrer Meetings beiwohnt. Die Laune ist bestens, die Zuversicht groß, und die Argumente sind auf ihrer Seite. Außerdem gibt es Kekse.

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Die Heroes von Neukölln sind nicht ganz leicht zu finden. Ihr Hauptquartier liegt an der Hermannstraße, einer der drei Magistralen des Stadtteils, aber an der angegebenen Adresse läuft man erst einmal vorbei. „Da hat wohl mal wieder einer das Schild abgerissen“, sagt Can Alpbek und argwöhnt: „Wahrscheinlich als Trophäe.“ Die jungen Männer im Raum lachen, unbekümmert, sportlich. Dies passiert – abseits von drei Einbrüchen – zum ersten Mal aber auf irgendeine verquere Art ist es sogar die Kleinlichkeit des Diebstahls, die ihnen Mut macht. Berlin-Neukölln, das ist seit etwa zehn Jahren ein Schreckgespenst, mit dem man vor allem Leuten Angst machen kann, die nicht hier wohnen. Also den meisten. Wer hier wohnt, nimmt vor allem Gegensätze wahr, die so nah beieinanderliegen, dass man manchmal nicht weiß, ob man die Mischung feiern oder das Gefälle betonen soll. Der nah gelegene Schillerkiez machte das Phänomen der sogenannten Gentrifizierung zuletzt in Rekordgeschwindigkeit durch: Wo man vormals in Hundehaufen und Glasscherben trat, gibt es jetzt vegane Cafés und All-Hours-Bars für ein junges, internationales Publikum, das erst einmal kein Geld, aber dafür jenes Kreativkapital mitbringt, das vor allem Makler und Grundeigentümer zu schätzen wissen. Auf der anderen Seite bleiben die Probleme in Neukölln unübersehbar. Bei einer Arbeitslosigkeit von etwa 15% lebt fast ein Viertel der Einwohner von Sozialleistungen. Die Kinderarmut beträgt knapp 75%, mehr als 20% bleiben ohne Schulabschluss, und der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund betrug im letzten Jahr 53%. Es sind Zahlen, die für sich genommen nicht unbedingt in einem Zusammenhang stehen, die aber das Bild des Stadtteils prägen: lebendig und geschäftig, dabei aber arm und manchmal nicht ganz so sexy.

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Dafür ist Neukölln medienerfahren. Wenn Heinz Buschkowsky spricht oder die Rütlischule brennt, rücken die Kamerateams an, und mit ihnen die Politiker. Auch bei den Heroes wurden Medienvertreter und Lokalpolitiker schon vorstellig. Fototermin, Preisübergabe, Schulterklopfen, gut gemacht. Das Projekt bietet schließlich ein unwiderstehliches Angebot: soziales Engagement, aus dem Kiez für den Kiez, irgendwie tagesaktuell und alles auf Eigeninitiative. Eine Erfolgsstory. Danach sah es nicht unbedingt von Anfang an aus. Die Idee der Heroes wurde Ende des letzten Jahrzehnts aus Schweden importiert. Dort hatte sich ein kleiner Verband gegründet, der Emanzipation von einer anderen Richtung aus dachte. Weil überall auf der Welt Männer mehr Macht und mehr Einfluss auf die Realität und damit auch auf die Veränderbarkeit derselben haben, wurden sie gezielt als Schutzpaten einer Idee angeworben, die patriarchale Strukturen in ihrem Selbstbewusstsein hinterfragt. Konkret ging es um ein Gleichstellungsmodell, das die Unterdrückung von Mädchen und Frauen im Namen der Ehre bekämpfen will – ein kulturelles Mitbringsel vieler migrantischer Communities, letztendlich aber auch ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Dafür, dass es sich um einen solch umfassenden Auftrag handelt, muten die Räumlichkeiten der Berliner Heroes bescheiden an. Zwei neonbeleuchtete Zimmer im Hochparterre, ein paar Stühle und Sofas um einen Tisch, auf dem Kekse und Gummibärchen ausliegen – es könnte der Clubraum einer Selbsthilfegruppe sein oder das Domizil einer Kartenrunde, aber dafür ist die Stimmung zu ausgelassen. Außerdem hat nicht jeder Hobbyverein ein Camus-Zitat an der Wand hängen: „Nichts ist erbärmlicher als Respekt, der auf Angst beruht.“ Wie an jedem Montagabend versammeln sich die Heroes zur Lagebesprechung, und wie immer gibt es etwas zu berichten. Can Alpbek und Asmen Ilhan kommen gerade zurück von einem Schulbesuch in der Nachbarschaft. Ein Lehrer hatte die Heroes angefordert, er hatte über Mundpropaganda von dem Projekt erfahren. Das ist inzwischen leichter als früher, denn mittlerweile gibt es bundesweit sieben Standorte, dazu zwei in Österreich. In Neukölln sind sechs Gruppen unterwegs: ehemalige Schüler, die vor Ort für etwas einstehen wollen, das ihnen am Herzen liegt.

Zwischen Tradition und Moderne

„Es gibt Kulturen, in denen Kollektivismus höher veranschlagt wird als Individualismus, in denen es Menschen nicht gelernt haben, ihr Leben selber zu gestalten“, sagt Martina Krägeloh. „Persönliche Meinungen und Emotionen bekommen da keinen Raum. Stattdessen haben die Menschen von Anfang an gelernt, sich zurückzustellen, zu kooperieren und sich zu fragen: Was wird von mir erwartet, welche Rolle soll ich erfüllen?“ Krägeloh ist Sozialpädagogin und seit etwa einem Jahr die Leiterin des Heroes-Projekts in Berlin. Die Hierarchien sind flach: Es gibt mehrere Trainer – Veteranen der Bewegung –, die Jugendliche zu „Heroes“ ausbilden. Dabei handelt es sich um junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die sich mit den Zielen der Gruppe identifizieren und einen Gedankenansatz verfolgen, der in Neukölln stellenweise explosives Potenzial hat. Es geht um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die am Arbeitsplatz gesamtgesellschaftlich bis jetzt ein hehrer Wunsch ist, für Rainer Brüderle wahrscheinlich nach wie vor ein Herrenwitz, und für viele Neuköllner ein lebensanschauliches Problem. Denn in vielen türkischen und arabischen Haushalten gehört dieses Konzept zu einer dezidiert westlichen Lebenswelt, die rundheraus abgelehnt wird, weil sie sich angeblich nicht mit den althergebrachten Traditionen vereinbaren lässt.

Hier liegt der Ansatz des Projekts, denn alle Heroes kommen direkt aus dem Stadtteil, aus Familien mit Migrationshintergrund, aus Milieus, über die man redet, ohne mit ihnen zu reden. „Nicht umsonst kommen wir hier mit einer Kultur in Kontakt, die großen Wert auf Traditionen legt“, sagt Yilmaz Atmaca. „Das kann leider auch dazu führen, dass die Werte der Gruppe über dem Individuum stehen und man bestimmten Personen aufgrund ihres Geschlechts eine bestimmte Rollenverteilung auferlegt. Unser Ziel ist es, den Leuten die Alternative anzubieten, dass sie selber ihr Leben gestalten können. Dass sie Fragen stellen, mitdiskutieren, ihre Meinung äußern, zuhören können. Dass sie vor allem nicht im Namen einer bestimmten Gruppe sprechen, sondern für sich. Deswegen müssen wir die einzelnen Personen persönlich erreichen und dazu einladen, nicht in der Kategorie des Wir zu denken. Es kommt darauf an, ihr Selbstwertgefühl zu erreichen, indem man ihnen vermittelt: ‚Es ist mir wichtig, was du selbst sagst. Ich möchte wissen, wie du dich gerade fühlst, und nicht, wie es deiner Gruppe, deiner Familie, deiner Kultur geht.’ Das ist der Schritt, den wir in diesen drei Stunden, in denen wir vor der Schulklasse stehen, erreichen wollen.“

Atmaca ist der dienstälteste Gruppenleiter bei den Heroes, ein charismatischer Mann mit athletischem Körper und leicht exzentrischem Bartzopf. Seine Stimme wirkt immer dann am autoritärsten, wenn sie leise ist, und entsprechend gebannt hört der Rest der Gruppe zu. Beim heutigen Treffen möchte er über den Kulturbegriff reden, der viel von dem definiert, mit dem nicht nur seine Schützlinge, sondern die ganze Nachbarschaft Schwierigkeiten hat. Zwischen der deutschen Identität und der des Herkunftslandes existiert nämlich ein Spannungsfeld, das manchmal reale Konsequenzen hat. Denn während sich die Claqueure von Björn Höcke und Co. dem Fiebertraum von einem nationalistischen Fantasiedeutschland hingeben können, dürfen sich die Heroes mit einer Realität herumschlagen, die ungleich komplexer ist. Geboren sind sie schließlich alle hier, doch das bedeutet nicht, dass ihr Verhältnis zu den zwei Kulturen, die als Heimat infrage kommen, unbelastet ist.

Das Schweigen der Currywurst

„Uns wurde in der dritten Klasse mal die Frage gestellt, ob wir Schweinefleisch essen“, erinnert sich Nesimi, einer der aktuellen Heroes. „Es war zwar so, dass bei uns zu Hause auch ab und zu mal eine Currywurst auf den Teller kam, aber in einer Klasse mit zwanzig Türken, fünf Arabern und vielleicht einer Deutschen habe ich lieber nicht aufgezeigt. Ich wusste, wenn ich mich jetzt melde, geht das für die letzten zwei Jahre in der Grundschule nicht gut aus. Das klingt jetzt vielleicht lustig, aber so weit reicht das: dass ein Drittklässler sich selbst unterdrückt, weil seine Gesellschaft es so möchte.“ Die Currywurstepisode war für Üzüm ein erster Fingerzeig auf ein systemisches Problem, dessen er sich mit 15 Jahren dann vollends bewusst wurde. „Die Frage, wer man sein will, wird in der Community, mit der wir uns beschäftigen, noch einmal anders gelebt“, sagt er. Und das hört eben auch nicht bei der Speisekarte auf. „Das, was man sein kann, wird schon vorher definiert, weil man in diesen patriarchalen Strukturen einer komplett festgelegten Rollenverteilung begegnet.“ Dieser Rollenverteilung begegnen die jungen Männer immer wieder in den Klassenräumen, die sie selbst erst vor Kurzem verlassen haben und in die sie jetzt als „Heroes“ zurückkehren, um sogenannte Workshops zu geben und über Themen zu diskutieren, von denen sich viele Schüler nicht eingestehen können, dass sie ihr Denken bestimmen, ohne deswegen ihrer eigenen Meinung zu entsprechen. „Diese Workshops sind als Eisbrecher gedacht“, sagt Martina Krägeloh. „Meistens sind es die Lehrer, die sich an uns wenden, weil sie das Gefühl haben, dass die Thematik in der Klasse vorhanden ist. Dann führen wir zunächst ein langes Vorbereitungsgespräch mit der Klassenleitung und versorgen die Lehrkräfte mit Informationen. Unser Wunsch ist dabei natürlich, dass das alles in den Unterricht eingebettet, das Thema also nach dem Workshop weitergeführt wird.“ Der Workshop selbst wird von einem Gruppenleiter und zwei Heroes, die sich zuvor in der einjährigen Projektausbildung befanden, durchgeführt. Einer davon ist Can Alpbek, der trotz seines jugendlichen Aussehens schon mit jeder Menge Erfahrung und der dazu passenden Selbstsicherheit auftritt.

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