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„Hunger ist ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit.“

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13. April 2018, Köln. Das Hauptquartier von FIAN Deutschland muss demnächst umziehen, doch die fiebrige Aufbruchstimmung, die in der Luft liegt, hat nicht damit zu tun. Die Menschenrechtsorganisation setzt sich seit 30 Jahren „für das Menschenrecht auf Nahrung“ ein – bei internationalen Gremien und vor Ort bei den Betroffenen. Deutschlandgeschäftsführer Philipp Mimkes und Aktivist Roman Herre sprechen über ein Aufgabenfeld, welches sich durch die Globalisierung zusehends wandelt, ohne seine ehrgeizige Zielsetzung aus den Augen zu verlieren.

Herr Mimkes, Herr Herre, Brot für die Welt und Misereor sind bekannte Hilfsorganisationen, die sich gegen den Welthunger engagieren – FIAN kennt man im Vergleich dazu nicht so gut.

Philipp Mimkes: Brot für die Welt und Misereor sind enge Kooperationspartner von uns, daher verfolgen wir dieselben Ziele. Allerdings unterscheidet sich der Ansatz etwas: Wir sind eine Menschenrechtsorganisation, und unsere Arbeit basiert auf dem UN-Menschenrechtssystem. Das heißt, wir stellen mitunter dieselben Forderungen wie Hilfsorganisationen oder auch Umweltorganisationen, aber begründen das mit den Menschenrechten. Wenn wir uns also etwa für den Klimaschutz einsetzen, tun wir dies, weil die Erderwärmung auch zahlreiche Menschenrechte gefährdet.

Wie kann man sich die Aufgabenbereiche Ihrer Organisation vorstellen?

Mimkes: Da wären zunächst einmal unsere konkreten Fälle. Hier begleiten unsere Referenten und Referentinnen konkrete Fälle von Menschenrechtsverletzungen, von Landkonflikten, von Vertreibung, von Verletzungen sozialer Menschenrechte – meistens in Ländern des Südens wie Sambia, Uganda, Kambodscha, Paraguay oder Brasilien. Das bedeutet, dass wir bei den Betroffenen vor Ort sind, um solche Menschenrechtsverletzungen zu recherchieren und zu dokumentieren. Dass wir uns austauschen und die Geschädigten unterstützen, indem wir diese Fälle vor Gericht bringen oder versuchen, sie in das UN-Menschenrechtssystem einzuspeisen. Dabei werden wir als FIAN Deutschland vorrangig dann aktiv, wenn es vor Ort eine deutsche Beteiligung gibt. Wenn es die deutsche Entwicklungspolitik ist, die zu solchen Problemen führt, oder wenn es Aktivitäten deutscher Unternehmen sind. Oder wenn es die Resultate politischer Entwicklungen wie beispielsweise Handelsverträge sind, bei denen die Bundesregierung Mitverantwortung trägt.

Das wäre die Fallarbeit – wo setzt die Menschenrechtsarbeit an?

Mimkes: Hier engagieren wir uns vor allem für die Stärkung und Erweiterung des Menschenrechtssystems. Denn Menschenrechte sind ja nie in Stein gemeißelt, sondern müssen interpretiert und auch weiterentwickelt werden. FIAN hat ein Büro bei den Vereinten Nationen in Genf, über das wir uns hierfür einsetzen. So gibt es im Moment Bestrebungen, dort eine Erklärung zum Schutz der Rechte von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu verabschieden. Wir sind sehr engagiert, diesen Prozess voranzubringen. Dann gibt es im Menschenrechtsrat noch Verhandlungen zu einem Abkommen, das Menschenrechtsverletzungen durch Unternehmen in aller Welt sanktionieren und den Rechtsschutz für die Betroffenen verbessern soll. Dabei muss immer klar sein: Für die Einhaltung der Menschenrechte sind die Staaten verantwortlich. Hierzu haben sie sich durch die Unterzeichnung der UN-Charta auch rechtlich verpflichtet.

Ist FIAN damit das, was man als Watchdog- Organisation bezeichnet?

Mimkes: Der Ansatz ist ein bisschen anders. Der Watchdog funktioniert primär über die Öffentlichkeit, über das „Naming and Shaming“, um über den drohenden Reputationsverlust eine Handlungsänderung bei Firmen zu bewirken. FIAN hat häufig ähnliche Ziele, aber eine andere Linse, nämlich den menschenrechtlichen Blickwinkel. Das heißt nicht, dass unsere Arbeit nicht häufig sehr ähnlich ist – auch wir beteiligen uns an Kampagnen oder Demonstrationen. Ein Beispiel: Momentan gibt es sehr viele Aktionen gegen Fusionen im Agrarbereich, bei denen Deutschland eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Wenn die Bayer-Monsanto-Fusion tatsächlich durchgewunken wird, ist Deutschland schließlich Sitz des größten Agrarkonzerns der Welt. Das hat sicherlich umweltpolitische Implikationen, die wir auch wichtig finden, aber wir kritisieren dies aus einer Menschenrechtsperspektive: Was für Auswirkungen wird es etwa auf das Recht auf Gesundheit haben, wenn noch mehr schädliche Pestizide zum Einsatz kommen? Auch das Recht auf Nahrung wird bedroht, wenn die Vielfalt des Saatguts eingeschränkt wird. Aus diesem Grund fordern auch wir die Bundesregierung und die EU dazu auf, diesem Fusionsprozess Einhalt zu gebieten.

Die Arbeit von FIAN wendet sich grundsätzlich gegen Hunger und die Strukturen, die ihn begünstigen. In Deutschland kann man sich beides nur noch schwer aus eigener Anschauung vorstellen.

Mimkes: Richtig ist, dass das Problem des Hungers ein bisschen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist – auch global. Die meisten Leute denken bei dem Thema an die Hungerkatastrophe in Äthiopien 1985 und nehmen an, das sei im Grunde ein Problem von gestern. Das ist es leider nicht. Man kann über die Zahlen streiten, doch sie liegen auf jeden Fall bis heute hoch. Die UN sprechen aktuell von 815 Millionen chronisch Hungernden, was elf Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Wir würden sagen, dass diese Zahlen noch zu niedrig kalkuliert sind, es ist in jedem Fall aber ein signifikanter Teil der Weltbevölkerung. Bei den Hungernden trifft es vor allem die Landbevölkerung: 80 Prozent von ihnen sind Kleinbauern, Plantagenarbeiter, Indigene oder Nomaden. In den 30 Jahren seit der Gründung von FIAN gab es zwar einige Fortschritte – wie zum Beispiel in China oder Vietnam –, aber in Indien oder Subsahara-Afrika ist der Anteil kaum zurückgegangen oder sogar gestiegen. Die Notwendigkeit unserer Arbeit ist also genauso gegeben wie vor 30 Jahren.

Sind die Gründe dafür auch die gleichen wie vor 30 Jahren?

Roman Herre: Bei den Gründen ist insofern interessant, dass sie in den Medien vor allem dann auftauchen, wenn sie mit Krieg oder Naturkatastrophen zu tun haben. Dabei sind strukturelle und menschengemachte Hungerursachen, die kontinuierlich vorhanden und medial nicht so leicht aufzubereiten sind, viel dominanter. Nehmen wir zum Beispiel die Frage, ob es überhaupt genug Nahrung für alle Menschen auf der Welt gibt. Schätzungen der UN besagen, dass wir mit unserer heutigen Agrarproduktion etwa 12 Milliarden Menschen ernähren könnten. Bei einer Weltbevölkerung von aktuell 7,5 Milliarden wird klar, dass der Hunger im Grunde ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit ist. Auf der anderen Seite wird immer wieder suggeriert, dass wir den Hunger nur besiegen können, indem wir die globalen Produktionsmengen steigern. Das ist falsch.
Mimkes: Eine Zahl zur Illustration: Rund 65 Prozent aller Hungernden sind weiblich, Frauen und Männer sind aber gleich über die Erde verteilt. Das zeigt, dass Diskriminierung ein wesentlicher Grund für Hunger ist. Der Menschenrechtsrat nennt insgesamt fünf Hauptgründe: extrem ungleiche Ressourcenverteilungen, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, fehlende Unterstützung für ländliche Entwicklung, fehlende soziale Sicherheit und ungerechte Handelsstrukturen. Damit entspricht keiner der fünf Gründe dem allgemeinen Narrativ, dem leider auch die Bundesregierung folgt, nämlich dass wir einfach nur die Produktion erhöhen müssen.

„Unsere Aufgabe ist es weniger, Fortschritte zu dokumentieren, sondern den Finger in die Wunde zu legen.“ Philipp Mimkes

Sie hatten Landkonflikte in südlichen Ländern angesprochen. Können Sie hier einen typischen Fall schildern?

Herre: Sicher. Bei einem Fall, am dem ich schon länger arbeite, geht es um große Zuckerrohrplantagen in Kambodscha. Zuckerrohr hat bis 2008 dort keine Rolle gespielt. Aber dann trat – um den Zusammenhang mit uns noch einmal deutlich zu machen – eine Handelsinitiative namens „Alles außer Waffen“ in Kraft, die ermöglicht, Zucker aus Kambodscha zoll- und quotenfrei in die EU zu importieren. Das veranlasste große regionale Zuckerkonzerne, insbesondere aus Thailand, sowie nationale Eliten aus Kambodscha dazu, sich riesige Flächen für den Zuckerrohranbau zu sichern. Die lokalen Gemeinden haben deutlich gemacht: „Wir wollen euch hier nicht haben!“ Ein Jahr später ist dann der Investor mit dem Militär angerückt und hat sehr gewaltsam durchgesetzt, sich eine Großplantage von 20.000 Hektar aus dieser Gegend herauszuschneiden. Die Leute, die vorher dort gelebt haben, wurden vertrieben, ihre Felder und Hütten angezündet. Natürlich wurde auch vielfältiger Widerstand geleistet, um Rodungen und Zerstörung der Reisfelder zu stoppen. Es wurde eine lokale Straße besetzt, nachdem ein Gemeindemitglied, das sich gegen die Landnahme ausgesprochen hatte, ins Gefängnis geworfen wurde. Weil die Deutsche Bank Anteilseigner eines dieser Zuckerkonzerne war, haben wir es geschafft, dass in Deutschland ein investigatives Magazin darüber berichtet hat. So gab es viele Hin- und Herbewegungen bei dieser ganzen Arbeit – letztendlich ist es aber so, dass der Konzern lokal gerade sehr viel Zucker produziert, während die Bevölkerung teilweise sehr verarmt ist. Besonders tragisch ist, dass sie sich nun bei dem Konzern verdingen müssen, der ihnen das Land geraubt hat, weil es keine andere Existenzmöglichkeit mehr für sie gibt. Sie leben nun unter extrem prekären Bedingungen und dürfen zweimal im Monat Unkraut zwischen den Zuckerrohrpflanzen jäten. Andere sind in die Slums von Phnom Penh gezogen und versuchen dort ihr Glück.

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