Gratis-Interview  Tasso e.V.

Tasso e.V.

Hunde, Katzen und Happy Ends

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  • Katrin Binner
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Wer in Deutschland einen Hund oder eine Katze hält, kennt mit großer Wahrscheinlichkeit Tasso e.V. Seit 1982 verwaltet der spendenbasierte Verein das heute größte deutsche Haustierregister. Rund um die Uhr sorgen die Mitarbeiter in der Telefon- Notrufzentrale dafür, dass tausende verirrte und entlaufene Haustiere wieder nach Hause zurückkehren können. Mit einer Basis von über 5,5 Millionen Tierhaltern nutzt der Verein darüber hinaus sein großes Potenzial als Tierschutzorganisation. In Projekten, Kampagnen und politischer Arbeit engagiert er sich für sein größtes Anliegen: „Responsible Ownership“, den verantwortungsvollen Umgang mit Haus- und Nutztieren.

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Zora rennt

Der 13. September 2016 ist ein heißer Tag in Sulzbach am Taunus. Nichts und niemand rührt sich, im Hof der Firma für Gastronomie-Einrichtungen geht kein Lüftchen. Die kleine Hundedame Zora liegt im Schatten und langweilt sich. Seit Stunden spricht ihr Frauchen Stefanie Kohn mit den Porzellanfabrikanten, alle anderen Mitarbeiter sind ausgeflogen. Zora streckt sich, steht auf, nimmt einen Schluck Wasser aus dem Blumentopf und wirft einen müden Blick in Richtung Straße. Vielleicht ist es ihr spanisches Temperament, vielleicht die Abenteuerlust, die in der Spätsommerhitze mit ihr durchgeht. Unbemerkt von ihrem Menschen trippelt Zora über den Firmenparkplatz bis auf die Bahnstraße und läuft los, immer geradeaus auf dem Trottoir. Nach ein paar hundert Metern hat sie genug, biegt in einen Hof ein und setzt sich in den Schatten. Gerade will sie sich hinlegen und dösen, da hört sie eine Frauenstimme: „Wer bist du denn? Hast du dich verlaufen? Wo gehörst du hin? Gut, dich bringe ich am besten zu Tasso.“ Das Wort steht auf der Plakette an Zoras Halsband.

Vor gut einem Jahr ist Tasso aus Hattersheim am Main in die modernen Geschäftsräume an der Otto-Volger-Straße in Sulzbach umgezogen, wenige Straßen von Zoras Zuhause entfernt. Hier vermitteln die Telefonisten des Vereins die Finder und Halter verlustig gegangener Hunde, Katzen und anderer Haustiere. Hunde gehören in den Arbeitsräumen zum alltäglichen Bild: In jedem zweiten Büro schaut ein wedelnder Schwanz unter einem Schreibtisch hervor, stehen Körbchen und Wassernäpfe. Mit Fundtieren allerdings kommen die Mitarbeiter selber eigentlich nie in Kontakt. In den 30 Jahren seit Gründung des Vereins ist noch nie ein verlorener Hund in den Räumen des Vereins selber seinem Halter übergeben worden. Bis heute.

Überraschungen bringt jeder Tag. Schöne, wenn die lang vermisste Katze nach zehn Jahren im Nachbarort wieder auftaucht. Lustige, wenn Anrufer versuchen, mit dem Handy in der Hand einen Papageien einzufangen. Spektakuläre, wenn ein Anruf aus den USA eingeht, weil dort ein Westy mit einem deutschen Chip gefunden wurde. Dass sich heute, bei dieser Hitze, ein Hund aus dem Staub macht, ist ungewöhnlich. Dass ihn jemand persönlich in der Telefonzentrale abliefert, ist allerdings wirklich neu. Nicola Müller, Mitarbeiterin in der Notrufzentrale, fährt mit ihrem Chiplesegerät über den Rücken des Tieres und erhält einen Code, den sie in die Datenbank eingibt. Hündin Zora ist ein Brüsseler Griffon und gehört einer gewissen Frau Kohn aus Sulzbach. Mehrere Telefonnummern sind hinterlegt. Beim zweiten Anruf hat Nicola Müller die Dame am Hörer. Sie hat Zoras Verschwinden noch gar nicht bemerkt.

Familienzusammenführungen im zehn-Minuten-Takt

„Das ist ganz normal“, sagt Karin Wloka, ebenfalls Mitarbeiterin in der 24-Stunden-Notrufzentrale. „Wir sagen den Leuten: Wissen Sie was? Ihr Hund ist weg. – Das kann nicht sein, der sitzt neben mir. – Direkt neben Ihnen? – Warten Sie, ich gucke noch mal ... Die Leute suchen dann erst mal selber, bevor sie uns glauben, dass der Hund wirklich weg ist.“ Während ihrer Sechs-Stunden-Schicht nimmt Karin Wloka nicht selten über 100 Anrufe entgegen. Tierfinder wählen die Nummer am häufigsten: „Ich habe einen Hund gefunden, der heißt Tasso.“ Ein Hotline-Klassiker. Nur einmal, erinnert sich Karin Wloka, gab es einen Dackel, der tatsächlich Tasso hieß.

Hunde werden überall aufgegriffen: auf Bundesstraßen, im Park, in fremden Gärten. Karin Wloka und ihre Kollegen instruieren den Finder daraufhin telefonisch, das Tier einzufangen, anzubinden (notfalls mit einem Gürtel, einem Schal oder einem Schnürsenkel) und auf den Halter zu warten. Diesen versuchen die Tasso-Mitarbeiter inzwischen per Telefon, SMS oder E-Mail zu erreichen. Ist der Kontakt hergestellt, arrangieren sie sofort das Treffen von Hundehalter und -finder. Im Schnitt passiert das alle zehn Minuten. Natürlich melden sich auch sehr viele Hunde- oder Katzenhalter, die ihr Tier vermissen. Für viele Menschen, besonders für ältere, haben Haustiere einen unschätzbaren Stellenwert, sind Familienmitglied oder Kinderersatz. Karin Wloka kann sich gut in sie hineinversetzen. Sie weiß, welche Ängste sie selbst auszustehen hätte, würde ihr Hund irgendwo alleine herumlaufen. Darum freut sie sich immer sehr, wenn wieder eine Familienzusammenführung gelingt. Leider endet allerdings nicht jede Geschichte mit einem Happy End. Wenn ein überfahrenes Tier von der Polizei gefunden wurde, sind ihrerseits Seelsorgerqualitäten gefragt. „Es ist nicht so leicht, morgens um sieben jemanden anzurufen und zu sagen: Ihre Katze wurde überfahren.“ Aber Karin Wloka weiß auch, wie wichtig es ist, die Leute über den Tod ihres Tieres zu informieren.

Katzen laufen zehnmal häufiger weg als Hunde, jeder fünfte Anrufer meldet sie als vermisst. Die Rückvermittlung von Hunden ist einfacher, weil führerlose Hunde mehr Aufmerksamkeit erregen. Streuner kommen in Deutschland de facto nicht vor, Freigänger sind die Ausnahme. Läuft ein Hund frei herum, handelt es sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Ausreißer. Bei einer Katze liegt die Streunervermutung näher. Deshalb bleiben verirrte Tiere lange unerkannt. Die jährliche Hochsaison für das Weglaufen von Haustieren ist der Jahreswechsel inklusive der Tage zuvor, an denen die ersten bereits verfrühte Böller zünden. Spätestens beim Feuerwerk lassen die Menschen ihre Haustüre offen. Dass ihr Haustier ausgerissen ist, merken sie erst Stunden später. Besonders in Nächten wie diesen ist die 24-Stunden-Notrufzentrale von Tasso für Polizei und Feuerwehr ein unverzichtbarer Ansprechpartner.

Vom Mädchen für alles zum Leiter des Vereins

Wurden früher Hunde oder Katzen gefunden und der Polizei gemeldet, kamen sie ausnahmslos ins Tierheim. Dort blieben sie, bis sich ihre Halter nach ihnen erkundigten. In unzähligen Fällen warteten die Tiere vergebens und fristeten ein trauriges Dasein im Zwinger – oder wurden neu adoptiert. Ganz anders heute: Inzwischen sind Anrufe von Tierheimen bei Tasso Routine. Dann heißt es zum Beispiel: „Wir haben die Jack-Russell-Hündin Luna aus Köln-Porz hier – kann abgeholt werden.“ Viele Tiere sind zwar gechippt, aber nicht bei Tasso gemeldet. Geht ein solches Tier verloren, erfolgt eine Notfallregistrierung, alle Daten werden telefonisch aufgenommen und das Tier gleichzeitig als vermisst gemeldet. Immer wieder tauchen in Deutschland Hunde und Katzen auf, die nicht in der Datenbank stehen. Über die Chipnummer oder die Tätowierung kann Tasso trotzdem den Halter ermitteln. Stellt sich dabei heraus, dass ein Tier im Ausland gemeldet ist, lässt sich der Halter mit Hilfe von Meta- Suchmaschinen wie europetnet.com für Europa oder www.petmaxx.com für das außereuropäische Ausland ausfindig machen.

„Ich denke, das Erhebendste für unsere Mitarbeiterinnen sind die Emotionen, wenn sie die Tiere zurückvermitteln können, egal ob das Tier eine Woche oder zwei Jahre weg war“, sagt Philip McCreight, Leiter des Vereins und Halter des dreijährigen Berner Sennenhundes Ben. Ein paarmal hat Tasso schon bei McCreight angerufen und ihm zu seiner Verblüffung den Rüden zurückvermittelt. Einmal war Ben nicht mehr zu halten gewesen, als er hormonbedingt den läufigen Hündinnen nachsetzte. „Jemand hatte den Hund an eine Parkbank gebunden. Seine herzerweichenden Walgesänge waren im ganzen Park zu hören.“

Philip McCreight ist bei Tasso ein Mann der ersten Stunde. Mit 15 Jahren stieß er als Hundefreund und Computerkid zum Verein, um die Tierdatenbank zu programmieren. Über Jahre begleitete er Tasso in technischen Fragen. Da nach dem Ausscheiden des ehemaligen Geschäftsführers außer McCreight niemand verfügbar war, der das ganze Projekt technisch und fachlich überblickte, erklärte er sich bereit, die Leitung zu übernehmen. Welche Dimensionen der Verein annehmen würde, ahnte er damals nicht. Von der telefonischen Rückvermittlung über die technische Leitung bis hin zu Tierschutzkampagnen war McCreight lange Zeit verantwortlich für alles. Ausgehend von dem kleinen Betrieb mit weniger als zehn Mitarbeitern baute er die Organisation zu der auf, die sie heute ist: die größte Institution zur Haustiererfassung in Europa mit über 80 Mitarbeitern.

Philip McCreight

„Nach unserer Rechnung sparen die Gemeinden in Deutschland jährlich mindestens 15 Millionen Euro durch unsere Rückvermittlung der Tiere.“
Philip McCreight

Anhand der Datenbank lässt McCreight regelmäßig Statistiken erstellen oder erfasst die aktuellen Zahlen selbst. Aktuell sind rund acht Millionen Tiere im Register eingetragen, davon ca. 4,5 Millionen Hunde (nach McCreights Schätzung 80 Prozent aller Hunde in Deutschland). Knapp die Hälfte der circa 20 Millionen deutschen Haustierhaushalte ist damit abgedeckt, darunter auch einige prominente. Zu den bekanntesten Hundehaltern in der Datenbank, deren Namen genannt werden dürfen, zählen Peter Maffay, die Schauspielerin Radost Bokel, Bestseller- Autorin Charlotte Link sowie die Fernsehderatorinnen Diana Eichhorn, Nina Ruge und Sonja Zietlow. Ein großes Potenzial für noch mehr Registrierungen besteht dennoch, die Kurve zeigt stetig nach oben. Jeden Tag werden zwar 100 bis 200 verstorbene Tiere gemeldet, aber über 2.000 neu registriert.

„Das System ist ein Selbstläufer“, stellt Philip Mc- Creight fest. „Wer schon einmal ein Tier registriert hatte, tut es wieder. Nicht aufgrund irgendeiner Verordnung, sondern einfach, damit man es zurück bekommt, falls es verschwindet.“ Die meisten erfahrenen Hundehalter haben das hinter sich: Statistisch gesehen reißt jeder Hund zweimal in seinem Leben aus.

Der Elefant im System

Obwohl sie den größten Teil der erfassten Tiere ausmachen, sind Hunden und Katzen bei weitem nicht die einzigen Tierarten in der Datenbank. Die drittgrößte, aber im Vergleich verschwindend kleine Gruppe bilden Frettchen. Bei der Rückvermittlung spielen sie keine Rolle, weil sie von Laien kaum als Haustier zu erkennen sind, sondern eher für Marder oder Iltisse gehalten werden. Weitere Kategorien bilden Nager- und Hasenartige (Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Chinchillas), Vögel (wie Papageien und Sittiche), verschiedenste Reptilien (Schildkröten, Geckos, Schlangen) und viele weitere, von der Vogelspinne bis zum Skunk. Auch Pferde, Esel, Lamas, Alpakas und einige Wildtiere sind aufgeführt – nicht weil sie entlaufen und verloren gehen könnten, sondern weil für diese Tierarten eine Meldepflicht besteht und ein Tasso-Eintrag vielerorts zur Melderoutine gehört. Auf diese Weise fand sogar schon eine ganze Elefantenherde Einzug in die Akten.

Als voll spendenfinanzierter Verein erhebt Tasso keine Mitgliedsbeiträge. Alle Leistungen finanziert er aus Spenden. „Die Ersparnis für die Tierheime und Tierschutzvereine liegt allerdings weit, weit über unserem Budget“, führt McCreight aus. „Nach unserer moderaten Rechnung sparen die Gemeinden in Deutschland jährlich mindestens 15 Millionen Euro durch unsere Rückvermittlung der Tiere.“

Tasso e.V.

Deutschland ist eines von nur vier Ländern in der EU ohne Registrierungspflicht für Hunde und Katzen. McCreight sieht andere Länder, zum Beispiel Frankreich, besser aufgestellt. Dort ist die Registrierung jedoch eine ordnungspolitische Maßnahme, die Rückvermittlung spielt nur eine untergeordnete Rolle. Staatlich betriebene Datenbanken bieten die Möglichkeit, neben Halter- und Tierdaten auch weitere Informationen zu Impfungen oder Verhaltensauffälligkeiten von Hunden zu hinterlegen. So geschieht es auch in Niedersachsen, das in einem eigenen Hunderegister unter anderem Hundebisse dokumentiert. Für Tasso wären solche Daten völlig irrelevant: „Wir halten uns an das Prinzip der Datensparsamkeit und erfassen nur Halter- und Tierdaten“, stellt Philip McCreight klar. „Sinn und Zweck ist das Rückvermitteln von Tieren.“ Registrierungsorganisationen mit diesem karitativen Anspruch sind in Europa die Ausnahme.

„Kein Tier wird schneller gefunden, weil es eine Belohnung gibt.“
Philip McCreight

Ursprünglich war das Thema Tierdiebstahl Anlass für die Gründung von Tasso. Wurde einem Hundefänger in den frühen Achtzigerjahren das Handwerk gelegt, gab es für die sichergestellten Tiere keine zuständige zentrale Anlaufstelle. Die Halter zu ermitteln, erwies sich oft als unlösbare Aufgabe. Inzwischen herrschen andere Gesetze, und Tierdiebstahl ist kein großes Thema mehr. Nur in seltenen Fällen werden wertvolle Mode-Rassen zu Diebesgut, manchmal gibt es sogar Entführungen mit Lösegelderpressung. Tasso rät deshalb davon ab, Belohnungen auszusetzen, wenn Hund oder Katze verschwinden. „Kein Tier wird schneller gefunden, weil es eine Belohnung gibt“, erklärt Philip McCreight, „das animiert eher Kriminelle dazu, die Großzügigkeit auszunutzen und eine höhere Belohnung zu verlangen.“

Häufiger werden zugelaufene Katzen oder aufgefundene Hunde einfach behalten, ohne dass nach den rechtmäßigen Besitzern gesucht wird. Manchmal fällt nach einiger Zeit auf, dass ein Tier bereits auf einen anderen Halter gemeldet ist. Der Haltervermerk in der Datenbank ist zwar kein Besitznachweis wie ein Kaufvertrag oder ein Impfpass, aber ein starker Indikator.

Tasso – Der Name

Der Name TASSO steht für „Tier-Auskunfts-Suchdienst- System-Orientiert“. Das Akronym stammt noch aus dem Gründungsjahr 1982, als die ersten Datenbanken aufkamen und die IT-Sprache noch ebenso sperrig war wie die ersten PCs. Obwohl „Tasso“ (italienisch für Dachs) gut zum Tierschutz passt und sich mittlerweile als Eigenname etabliert hat, denkt man derzeit über ein zeitgemäßeres Akronym nach.

Training für ein besseres Leben

Mit dem direkten Kontakt zu den Tierhaltern verfügt Tasso als Tierschutzverein über ein starkes Alleinstellungsmerkmal. Die 5,5 Millionen Tierhalter in der Datenbank bilden ein zwar sehr heterogenes, aber weitgehend tierschutzaffines Publikum, an das sich der Verein über Publikationen, Newsletter, soziale Medien oder gezielte Unterschriftenaktionen und Petitionen wendet. Dabei bezieht Tasso klar Stellung, stößt aber keine Diskussionen um Reizthemen wie Impfungen, Tierernährung oder gar Veganismus an. Als besonders medienwirksam erwies sich die in Gemeinschaft mit der Hunde- Akademie Perdita Lübbe gestartete Aktion „Rettet das Nashorn“, die eine Anti-Wilderer-Einheit in Südafrika mit Geld und Ausrüstung unterstützt. 2013 konnte Tasso den Aktivisten einen schlagkräftigen Kollegen vermitteln: den ursprünglich für die Polizei vorgesehenen Malinois Shaya, der daraufhin im Aufspüren von Waffen und Nashornhorn ausgebildet wurde. Mit beachtlichem Erfolg. Shaya hat seither bereits mehrere Wilderer gemeinsam mit den Aktivisten dingfest machen können.

Tierschutzpolitischer Sprecher des Vereins ist Mike Ruckelshaus. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen bringt auch er täglich seinen Hund mit zur Arbeit. Die ausgesetzte Boxer-Dogge Sam aus dem Tierheim ist gesundheitlich extrem anfällig. Ruckelshaus hat den Hund aufgepäppelt, Tage und Nächte an seiner Seite gewacht. Etwa 6.000 Euro musste er in den letzten fünf Jahren für Medikamente und Tierarztrechnungen aufbringen. „Es gehört zur Tierliebe, einen gewissen Leidensdruck ertragen zu können“, räumt er ein, weiß aber auch: „Für so eine Organisation zu arbeiten, ist etwas Schönes. Wer kann schon seinen Hund mit zur Arbeit nehmen? Wäre das mehr Arbeitnehmern erlaubt, würden sicher häufiger Hunde aus Tierheimen adoptiert.“ Das Thema Tierheimhunde beschäftigt ihn seit langem. Die Zwinger sind überfüllt, die Lage vieler Tiere prekär. Besonders wenig Hoffnung besteht für die herrenlosen sogenannten Kampfhunde, die auf den Rasselisten der Bundesländer stehen. Wer einen solchen Hund aus dem Tierheim bei sich aufnimmt, muss – obwohl er damit den Staat entlastet – je nach Wohnort mit mehreren hundert Euro Kampfhundesteuer und strengen Auflagen rechnen. Damit sinkt radikal die Wahrscheinlichkeit einer Adoption. Für Mike Ruckelshaus nicht der einzige Grund, Stellung gegen Rasselisten zu beziehen. Denn: Auf ihnen stehen zwar zum Beispiel der Pitbull oder der Staffordshire- Terrier, nicht aber die Rassen, deren Vertreter am häufigsten zubeißen: Schäferhunde und Schäferhundmischlinge.

Hat ein Tierheimhund einmal gebissen, ist seine Chance auf eine Vermittlung gleich null. Über 5.000 so gebrandmarkte „Aggressionshunde“ sitzen in deutschen Tierheimen fest. Damit wenigstens einige von ihnen den Zwinger lebend verlassen können, initiierte Tasso das Resozialisierungsprojekt „Start ins neue Leben“, wie „Rettet das Nashorn“ ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Hunde-Akademie Perdita Lübbe. Die Tiere erhalten eine Art Anti-Aggressionstraining, Tierpfleger werden für den Umgang mit aggressiven Hunden fortgebildet. Langfristiges Ziel ist ein bundesweites Netzwerk aus Tasso-zertifizierten Hundetrainern, die ehrenamtlich mit den Tierheimhunden arbeiten. Um die Zahl der Adoptionen sämtlicher Tiere aus Heimen zu erhöhen, hat Tasso außerdem das Online-Tierheim shelta.net ins Leben gerufen. Hier werden Bilder und Beschreibungen von herrenlosen Hunden, Katzen und vielen weiteren Gattungen eingestellt. Wer ein Tier sucht, kann seinen Wohnort und das gewünschte Tierprofil eingeben und bekommt Vorschläge aus der eigenen Region.

Hundeführerschein und Katzenkastration

Die Ursache, dass Hunde überhaupt im Tierheim landen, sieht Ruckelshaus in erster Linie bei ihren früheren, unkundigen Haltern. Hier setzt die Forderung nach einem „Responsible Ownership“ an: Haustierhalter müssen Verantwortlichkeit lernen. Wichtig wäre hierfür ein Sachkunde-Nachweis, quasi ein Hundeführerschein, sowie eine Praxisprüfung nach einem Jahr. Eine verpflichtende Kennzeichnung, Registrierung und Haftpflichtversicherung für jeden Hund würde auch die Rasselisten überflüssig machen. Davon ist Ruckelshaus überzeugt.

Der Ursachenbekämpfung widmet sich Tasso unter anderem durch die Kampagne gegen sogenannte Wühltischwelpen. Massenhaft in Osteuropa gezüchtet und viel zu früh von der Mutter getrennt, werden junge Hunde zu Billigpreisen im Internet angeboten. Die Anbieter verabreden sich mit den Käufern auf Autobahnraststätten oder Supermarktparkplätzen, einige liefern frei Haus. Aus welchen Zuchtverhältnissen die Welpen stammen, bleibt ebenso im Dunkeln wie ihr Gesundheitszustand. Oft leiden die Tiere an Erkrankungen wie Parvovirose oder Staupe und entwickeln Verhaltensstörungen – dann wird das vermeintliche Schnäppchen teuer. Es sind oft genau diese Hunde, die von ihren Haltern wieder ausgesetzt werden, im Tierheim landen und dort auf Staatskosten leben.

Der karitative Tierschutz, den Tierheime leisten – Aufnahme, Unterbringung, Pflege und Vermittlung – kommt für Mike Ruckelshaus einem unterfinanzierten Reparaturbetrieb gleich. „Nur über die politische Ebene kann man langfristig etwas für Heimtiere, Nutztiere und Wildtiere erreichen. Was dürfen wir mit Tieren machen, was nicht? Die Form unseres Umgangs mit Tieren muss sich am Staatsziel Tierschutz orientieren, das im Grundgesetz verankert ist.“ Im Namen von Tasso schreibt er deshalb Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen oder Leitfäden, etwa zur Kontrolle von Welpentransporten, berät Kommunen beim Erlass von Verordnungen, hält Vorträge und spricht hinter den Kulissen mit Ministern oder Abgeordneten.

Karin Wloka

„Man geht jeden Tag hier raus und sagt: Super, mein Karmakonto ist heute wieder ins Unermessliche gestiegen.“
Karin Wloka

Zu den brennenden aktuellen Problemen von politischer Dimension zählen die rund zwei Millionen Streunerkatzen in Deutschland – ausgesetzte, verwilderte Tiere und deren Nachwuchs. Aus einem Pärchen können nach nur drei Jahren Vermehrung einige tausend Katzen hervorgehen. Unkastrierte Hauskatzen mit Freigang, die sich mit Streunern paaren, verschärfen das Problem. Um es in den Griff zu bekommen, hat Tasso 2011 gemeinsam mit dem Bund gegen Missbrauch der Tiere und Vier Pfoten das Bündnis Pro Katze gegründet, das sich um die Kastration von Katzen kümmert. Was aus Sicht der Tierschützer hier fehlt, ist eine praktikable Gesetzgebung. „Wir fordern eine bundesweit einheitliche Regelung zur Kennzeichnung, Registrierung und Kastration von Hauskatzen mit Freigang“, erklärt Ruckelshaus. 150.000 Unterschriften wurden dem Bundeslandwirtschaftsministerium im Zug der Tierschutzgesetznovellierung von 2013 übergeben. Trotzdem fehlt eine solche Regelung bis heute. Der Grund: Mit dem umstrittenen Paragraph 13b im neuen Tierschutzgesetz stellt es der Bund den Ländern frei, ob sie ihren Kommunen den Erlass einer Katzenschutzverordnung ermöglichen oder nicht. Bisher tut das lediglich die Hälfte aller Bundesländer, und nur rund 350 Gemeinden haben eine solche Verordnung erlassen, weniger als ein Prozent aller deutschen Kommunen. Die Tendenz ist trotzdem positiv. Die wichtigsten Adressaten sind für das Thema sensibilisiert. Mittlerweile steht es, nicht zuletzt wegen der Initiative von Tasso, auch bei immer mehr Kommunen auf der Tagesordnung.

Transponder

Der Transponder

Neun von zehn Hunden oder Katzen sind nicht mehr tätowiert, sondern gechippt. Dazu wird dem Tier mit Hilfe einer Kanüle ein reiskorngroßer Transponder aus speziellem Bioquarzglas unter die Haut implantiert. Ein entsprechendes Ablesegerät gehört heute in jedem Tierheim und in jeder Tierarztpraxis zur Standardausstattung. Hat das Gerät den Chip gefunden, wird im Display die Registriernummer angezeigt. Zwei Irrtümer über die Transponder sind weit verbreitet: Zum einen geben sie keine elektrische Strahlung ab – der Chip bleibt völlig inaktiv, bis er durch das Lesegerät per Magnetfeld aktiviert wird. Zum anderen ist per Transponder keine Ortung des Tieres möglich. Daran wird sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern. Selbst handelsübliche, strombetriebene GPS-Halsbänder stoßen an ihre Grenzen, wenn sich die Katze in einem Keller ohne Empfang versteckt oder die Akkuleistung nachlässt.

Auf der Seite der Opfer

Obwohl es noch am politischen Willen fehlt, rechnet Mike Ruckelshaus mittelfristig mit einer erneuten Novelle des Tierschutzgesetzes. Zu dringend ist der Handlungsbedarf in anderen Bereichen, wie etwa der Milchkuhhaltung. Für sie gilt mangels gesetzlicher Regelung (wie auch für einige andere Nutztierarten) Paragraf 2 des Tierschutzgesetzes: Demnach sind sie artgerecht zu halten, zu ernähren und unterzubringen. Doch an der Frage, was unter einer artgerechten Haltung zu verstehen ist, scheiden sich die Geister.

Auf der Weide legen Kühe täglich bis zu zehn Kilometer zurück. 25 Prozent der Milchkühe in Deutschland, die ausschließlich im Stall gehalten werden, können das nicht. Bei Schweinen, Schafen oder Gänsen sieht es nicht besser aus. Schwänze und Schnäbel werden gekürzt, es fehlt an Licht und an Platz, von unhaltbaren Praktiken wie dem Kükenschreddern, Schlachttiertransporten oder der Massentierhaltung im Allgemeinen ganz zu schweigen. Da es an geeigneten Kontrollen mangelt, sind Gesetzesverstöße an der Tagesordnung. Das schlimmste Beispiel: die hohe Quote von Fehlbetäubungsraten auf den Schlachthöfen. Jedes Jahr landen ungefähr 600.000 Schweine und 200.000 Rinder bei vollem Bewusstsein im Brühkessel. Seit Jahrzehnten müssen sich Tiere den Haltungssystemen anpassen – ein Zustand, der aus Sicht von Tasso dringend umgekehrt werden müsste.

Der Verein ist dabei nur eine von vielen Nichtregierungsorganisationen, die strengere Kontrollrichtlinien fordern, zum Beispiel auch bei schwerstbelastenden Tierversuchen. Doch immer wieder, wie auch bei der Novelle des Tierschutzgesetzes, setzen sich lobbystarke Gruppen wie der Bundesverband der forschenden pharmazeutischen Industrie oder die Landwirtschaftsverbände durch. Selbst einflussreichste Tierschutzjuristen stoßen mit ihren Gesetzesentwürfen an Grenzen, wenn politischer Wille und Interessen der Tiernutzerlobby dagegen stehen. So bleiben Tierversuche, auch an Primaten, weiterhin erlaubt. Immerhin konnte Tasso sich für die die Einrichtung von Stiftungsprofessuren einsetzen, die an Alternativen zum Tierversuch forschen. Ein schwacher Trost.

„Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“, resümiert Mike Ruckelshaus. „Wir feiern es als großen Erfolg, wenn wir etwas erreicht haben, und ein paar Jahre später kommt eine neue Regierung und wischt es mit einem Fingerstrich wieder vom Tisch.“ So konnte in Hessen ein Verbot von Schliefanlagen erreicht werden, künstlichen Tunnelsystemen, in denen Füchse lebende Köder für Jagdhunde spielen und dabei enormen Stress erleiden. Fünf Jahre später kam eine neue Regierung und hob das Verbot auf. Für hessische Füchse und Waschbären engagierte sich Tasso in Hinsicht auf eine gesetzliche Schonzeit während der Jungenaufzucht, machte sich damit aber viele Feinde in Jägerkreisen. Eine Klage der FDP läuft bereits.

Trotzdem macht Ruckelshaus weiter, beschäftigt sich mit qualvollen Bildern, grausamen Affenversuchen und Tiertransporten. Warum? „In den meisten Fällen sind Tiere Opfer von Menschen“ erklärt er seine Motivation. „Und ich stehe immer auf der Seite der Opfer.“

Auch Öffentlichkeitsreferentin Laura Simon hat sich in vollem Bewusstsein für eine Tätigkeit bei Tasso entschieden. Sie arbeitete früher in einer PRund Marketingagentur, suchte aber nach etwas anderem und sinnvollerem, wollte „das Gute tun“. „Etwas dazu beizutragen, dass es der Tierwelt besser geht, das ist ein tolles Gefühl.“ Karin Wloka sieht es genauso: „Man geht jeden Tag hier raus und sagt: Super, mein Karmakonto ist heute wieder ins Unermessliche gestiegen.“

Für die ausgebüxte Zora endet der Tag ebenfalls mit einem Happy End. Frauchen Stefanie Kohn ist in der Zentrale angekommen und schließt den kleinen Ausreißer in die Arme. Mensch und Tier wurde erneut erfolgreich geholfen.

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Zur Person

Der gebürtige Schwede Philip McCreight kam 1972 als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Er studierte Kunstpädagogik, Biologie und Psychologie in Frankfurt und begleitet den Verein seit dem Gründungsjahr 1982. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Mike Ruckelshaus engagiert sich seit über 30 Jahren im Tierschutz, früher als parlamentarischer Referent im hessischen Landtag für die tierschutzpolitische Sprecherin von Bündnis 90/ Die Grünen, danach als Leiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundes gegen den Missbrauch der Tiere in der Landesgeschäftsstelle Hessen. Seit Ruckelshaus den Bereich Tierschutz bei Tasso 2011 Jahren übernommen hat, ist die Abteilung langsam, aber stetig gewachsen. Heute unterstützen ihn vier Kolleginnen.

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