Gratis-Interview  Tasso e.V.

Tasso e.V.

Hunde, Katzen und Happy Ends

Fotos:
  • Katrin Binner
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Wer in Deutschland einen Hund oder eine Katze hält, kennt mit großer Wahrscheinlichkeit Tasso e.V. Seit 1982 verwaltet der spendenbasierte Verein das heute größte deutsche Haustierregister. Rund um die Uhr sorgen die Mitarbeiter in der Telefon- Notrufzentrale dafür, dass tausende verirrte und entlaufene Haustiere wieder nach Hause zurückkehren können. Mit einer Basis von über 5,5 Millionen Tierhaltern nutzt der Verein darüber hinaus sein großes Potenzial als Tierschutzorganisation. In Projekten, Kampagnen und politischer Arbeit engagiert er sich für sein größtes Anliegen: „Responsible Ownership“, den verantwortungsvollen Umgang mit Haus- und Nutztieren.

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Zora rennt

Der 13. September 2016 ist ein heißer Tag in Sulzbach am Taunus. Nichts und niemand rührt sich, im Hof der Firma für Gastronomie-Einrichtungen geht kein Lüftchen. Die kleine Hundedame Zora liegt im Schatten und langweilt sich. Seit Stunden spricht ihr Frauchen Stefanie Kohn mit den Porzellanfabrikanten, alle anderen Mitarbeiter sind ausgeflogen. Zora streckt sich, steht auf, nimmt einen Schluck Wasser aus dem Blumentopf und wirft einen müden Blick in Richtung Straße. Vielleicht ist es ihr spanisches Temperament, vielleicht die Abenteuerlust, die in der Spätsommerhitze mit ihr durchgeht. Unbemerkt von ihrem Menschen trippelt Zora über den Firmenparkplatz bis auf die Bahnstraße und läuft los, immer geradeaus auf dem Trottoir. Nach ein paar hundert Metern hat sie genug, biegt in einen Hof ein und setzt sich in den Schatten. Gerade will sie sich hinlegen und dösen, da hört sie eine Frauenstimme: „Wer bist du denn? Hast du dich verlaufen? Wo gehörst du hin? Gut, dich bringe ich am besten zu Tasso.“ Das Wort steht auf der Plakette an Zoras Halsband.

Vor gut einem Jahr ist Tasso aus Hattersheim am Main in die modernen Geschäftsräume an der Otto-Volger-Straße in Sulzbach umgezogen, wenige Straßen von Zoras Zuhause entfernt. Hier vermitteln die Telefonisten des Vereins die Finder und Halter verlustig gegangener Hunde, Katzen und anderer Haustiere. Hunde gehören in den Arbeitsräumen zum alltäglichen Bild: In jedem zweiten Büro schaut ein wedelnder Schwanz unter einem Schreibtisch hervor, stehen Körbchen und Wassernäpfe. Mit Fundtieren allerdings kommen die Mitarbeiter selber eigentlich nie in Kontakt. In den 30 Jahren seit Gründung des Vereins ist noch nie ein verlorener Hund in den Räumen des Vereins selber seinem Halter übergeben worden. Bis heute.

Überraschungen bringt jeder Tag. Schöne, wenn die lang vermisste Katze nach zehn Jahren im Nachbarort wieder auftaucht. Lustige, wenn Anrufer versuchen, mit dem Handy in der Hand einen Papageien einzufangen. Spektakuläre, wenn ein Anruf aus den USA eingeht, weil dort ein Westy mit einem deutschen Chip gefunden wurde. Dass sich heute, bei dieser Hitze, ein Hund aus dem Staub macht, ist ungewöhnlich. Dass ihn jemand persönlich in der Telefonzentrale abliefert, ist allerdings wirklich neu. Nicola Müller, Mitarbeiterin in der Notrufzentrale, fährt mit ihrem Chiplesegerät über den Rücken des Tieres und erhält einen Code, den sie in die Datenbank eingibt. Hündin Zora ist ein Brüsseler Griffon und gehört einer gewissen Frau Kohn aus Sulzbach. Mehrere Telefonnummern sind hinterlegt. Beim zweiten Anruf hat Nicola Müller die Dame am Hörer. Sie hat Zoras Verschwinden noch gar nicht bemerkt.

Familienzusammenführungen im zehn-Minuten-Takt

„Das ist ganz normal“, sagt Karin Wloka, ebenfalls Mitarbeiterin in der 24-Stunden-Notrufzentrale. „Wir sagen den Leuten: Wissen Sie was? Ihr Hund ist weg. – Das kann nicht sein, der sitzt neben mir. – Direkt neben Ihnen? – Warten Sie, ich gucke noch mal ... Die Leute suchen dann erst mal selber, bevor sie uns glauben, dass der Hund wirklich weg ist.“ Während ihrer Sechs-Stunden-Schicht nimmt Karin Wloka nicht selten über 100 Anrufe entgegen. Tierfinder wählen die Nummer am häufigsten: „Ich habe einen Hund gefunden, der heißt Tasso.“ Ein Hotline-Klassiker. Nur einmal, erinnert sich Karin Wloka, gab es einen Dackel, der tatsächlich Tasso hieß.

Hunde werden überall aufgegriffen: auf Bundesstraßen, im Park, in fremden Gärten. Karin Wloka und ihre Kollegen instruieren den Finder daraufhin telefonisch, das Tier einzufangen, anzubinden (notfalls mit einem Gürtel, einem Schal oder einem Schnürsenkel) und auf den Halter zu warten. Diesen versuchen die Tasso-Mitarbeiter inzwischen per Telefon, SMS oder E-Mail zu erreichen. Ist der Kontakt hergestellt, arrangieren sie sofort das Treffen von Hundehalter und -finder. Im Schnitt passiert das alle zehn Minuten. Natürlich melden sich auch sehr viele Hunde- oder Katzenhalter, die ihr Tier vermissen. Für viele Menschen, besonders für ältere, haben Haustiere einen unschätzbaren Stellenwert, sind Familienmitglied oder Kinderersatz. Karin Wloka kann sich gut in sie hineinversetzen. Sie weiß, welche Ängste sie selbst auszustehen hätte, würde ihr Hund irgendwo alleine herumlaufen. Darum freut sie sich immer sehr, wenn wieder eine Familienzusammenführung gelingt. Leider endet allerdings nicht jede Geschichte mit einem Happy End. Wenn ein überfahrenes Tier von der Polizei gefunden wurde, sind ihrerseits Seelsorgerqualitäten gefragt. „Es ist nicht so leicht, morgens um sieben jemanden anzurufen und zu sagen: Ihre Katze wurde überfahren.“ Aber Karin Wloka weiß auch, wie wichtig es ist, die Leute über den Tod ihres Tieres zu informieren.

Katzen laufen zehnmal häufiger weg als Hunde, jeder fünfte Anrufer meldet sie als vermisst. Die Rückvermittlung von Hunden ist einfacher, weil führerlose Hunde mehr Aufmerksamkeit erregen. Streuner kommen in Deutschland de facto nicht vor, Freigänger sind die Ausnahme. Läuft ein Hund frei herum, handelt es sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Ausreißer. Bei einer Katze liegt die Streunervermutung näher. Deshalb bleiben verirrte Tiere lange unerkannt. Die jährliche Hochsaison für das Weglaufen von Haustieren ist der Jahreswechsel inklusive der Tage zuvor, an denen die ersten bereits verfrühte Böller zünden. Spätestens beim Feuerwerk lassen die Menschen ihre Haustüre offen. Dass ihr Haustier ausgerissen ist, merken sie erst Stunden später. Besonders in Nächten wie diesen ist die 24-Stunden-Notrufzentrale von Tasso für Polizei und Feuerwehr ein unverzichtbarer Ansprechpartner.

Vom Mädchen für alles zum Leiter des Vereins

Wurden früher Hunde oder Katzen gefunden und der Polizei gemeldet, kamen sie ausnahmslos ins Tierheim. Dort blieben sie, bis sich ihre Halter nach ihnen erkundigten. In unzähligen Fällen warteten die Tiere vergebens und fristeten ein trauriges Dasein im Zwinger – oder wurden neu adoptiert. Ganz anders heute: Inzwischen sind Anrufe von Tierheimen bei Tasso Routine. Dann heißt es zum Beispiel: „Wir haben die Jack-Russell-Hündin Luna aus Köln-Porz hier – kann abgeholt werden.“ Viele Tiere sind zwar gechippt, aber nicht bei Tasso gemeldet. Geht ein solches Tier verloren, erfolgt eine Notfallregistrierung, alle Daten werden telefonisch aufgenommen und das Tier gleichzeitig als vermisst gemeldet. Immer wieder tauchen in Deutschland Hunde und Katzen auf, die nicht in der Datenbank stehen. Über die Chipnummer oder die Tätowierung kann Tasso trotzdem den Halter ermitteln. Stellt sich dabei heraus, dass ein Tier im Ausland gemeldet ist, lässt sich der Halter mit Hilfe von Meta- Suchmaschinen wie europetnet.com für Europa oder www.petmaxx.com für das außereuropäische Ausland ausfindig machen.

„Ich denke, das Erhebendste für unsere Mitarbeiterinnen sind die Emotionen, wenn sie die Tiere zurückvermitteln können, egal ob das Tier eine Woche oder zwei Jahre weg war“, sagt Philip McCreight, Leiter des Vereins und Halter des dreijährigen Berner Sennenhundes Ben. Ein paarmal hat Tasso schon bei McCreight angerufen und ihm zu seiner Verblüffung den Rüden zurückvermittelt. Einmal war Ben nicht mehr zu halten gewesen, als er hormonbedingt den läufigen Hündinnen nachsetzte. „Jemand hatte den Hund an eine Parkbank gebunden. Seine herzerweichenden Walgesänge waren im ganzen Park zu hören.“

Philip McCreight ist bei Tasso ein Mann der ersten Stunde. Mit 15 Jahren stieß er als Hundefreund und Computerkid zum Verein, um die Tierdatenbank zu programmieren. Über Jahre begleitete er Tasso in technischen Fragen. Da nach dem Ausscheiden des ehemaligen Geschäftsführers außer McCreight niemand verfügbar war, der das ganze Projekt technisch und fachlich überblickte, erklärte er sich bereit, die Leitung zu übernehmen. Welche Dimensionen der Verein annehmen würde, ahnte er damals nicht. Von der telefonischen Rückvermittlung über die technische Leitung bis hin zu Tierschutzkampagnen war McCreight lange Zeit verantwortlich für alles. Ausgehend von dem kleinen Betrieb mit weniger als zehn Mitarbeitern baute er die Organisation zu der auf, die sie heute ist: die größte Institution zur Haustiererfassung in Europa mit über 80 Mitarbeitern.

Philip McCreight

„Nach unserer Rechnung sparen die Gemeinden in Deutschland jährlich mindestens 15 Millionen Euro durch unsere Rückvermittlung der Tiere.“
Philip McCreight

Anhand der Datenbank lässt McCreight regelmäßig Statistiken erstellen oder erfasst die aktuellen Zahlen selbst. Aktuell sind rund acht Millionen Tiere im Register eingetragen, davon ca. 4,5 Millionen Hunde (nach McCreights Schätzung 80 Prozent aller Hunde in Deutschland). Knapp die Hälfte der circa 20 Millionen deutschen Haustierhaushalte ist damit abgedeckt, darunter auch einige prominente. Zu den bekanntesten Hundehaltern in der Datenbank, deren Namen genannt werden dürfen, zählen Peter Maffay, die Schauspielerin Radost Bokel, Bestseller- Autorin Charlotte Link sowie die Fernsehderatorinnen Diana Eichhorn, Nina Ruge und Sonja Zietlow. Ein großes Potenzial für noch mehr Registrierungen besteht dennoch, die Kurve zeigt stetig nach oben. Jeden Tag werden zwar 100 bis 200 verstorbene Tiere gemeldet, aber über 2.000 neu registriert.

„Das System ist ein Selbstläufer“, stellt Philip Mc- Creight fest. „Wer schon einmal ein Tier registriert hatte, tut es wieder. Nicht aufgrund irgendeiner Verordnung, sondern einfach, damit man es zurück bekommt, falls es verschwindet.“ Die meisten erfahrenen Hundehalter haben das hinter sich: Statistisch gesehen reißt jeder Hund zweimal in seinem Leben aus.

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