Gratis-Interview Neven Subotic

Neven Subotic

„Bevor ich einer Nation angehöre, bin ich erst einmal ein Mensch.“

Fotos:
  • Sebastian Mölleken
Kategorien:
Leserbewertung:

Dortmund, 18.01.2016. Im quadratischen Flur stapeln sich Wasserkanister. Einer ist gefüllt, ein 20-Liter-Exemplar. „Heben Sie mal hoch!“, regt der Sportler seine Gäste an. Im Gespräch werden wir noch sehen, wozu der kleine Test gut war. Auf das Flipchart hat eine gewisse „Sydney“ das Logo der Neven Subotic Stiftung mit den ein Herz umschließenden Händen gemalt. „Sie ist die Tochter eines Bekannten“, erklärt Subotic, „ein unfassbar liebes Mädchen, das sich um alle Menschen kümmern will.“ Ein Kaffee in der winzigen Teeküche ist schnell gemacht. Trotz der Eiseskälte und des soeben beendeten Trainings, das ihm sicher noch in den Knochen steckt, merkt man, dass der Star des BVB noch stundenlang weiter erzählen könnte … und alles andere als ein „typischer“ Fußballer ist.

- Anzeige -

Herr Subotic, auf der Webseite Ihrer Stiftung sowie den Bannern hier im Flur fällt sofort eine Zahl ins Auge: 663 Millionen Menschen sind auf der Welt immer noch ohne Zugang zu sauberem Wasser. Wer ermittelt so etwas eigentlich?

Um solche Statistiken zu erstellen, betreiben die Vereinten Nationen gemeinsam mit UNICEF das „Joint Monitoring Programme for Water Supply and Sanitation“. Nur ganz große Organisationen haben die Mittel und das Budget, derlei Forschungen anzustellen, die in diesem Fall gleich im doppelten Sinn „unbezahlbar“ sind. Fakten sind wichtig, damit der Weltöffentlichkeit das Ausmaß der Probleme bewusst wird. Anders ist die Not für viele Menschen nicht greifbar. In unserem Alltag stellen wir uns schließlich niemals die Frage, ob heute wohl Wasser aus dem Hahn kommt oder wir im Café eine funktionierende Toilette vorfinden. Oder ob das Wasser, das wir trinken, aus einer Pfütze stammt oder sauber gefiltert wurde und wenn ja, wer uns das garantiert. Deswegen ist es gut, die Missstände mit klaren Zahlen zu beleuchten. Wobei mir die Zahlen eher wenig sagen. Ich brauche die persönliche Ebene.

Wie sieht die aus?

Ich lerne zum Beispiel einen dieser kleinen Menschen kennen und denke mir: Das könnte ich sein, wäre ich in seinem Land unter seinen Bedingungen zur Welt gekommen. Darüber denkt man bei uns üblicherweise ja nicht nach. Statt einen Blick nach links oder rechts zu werfen, starrt man geradeaus und fragt sich, wann das neue iPhone erscheint.

Wie kommt es dazu, dass Sie den Blick nach Afrika richten statt in das nächste Ladenlokal von Apple? Im Alltag eines etablierten Fußballprofis laufen einem doch nicht tagtäglich arme Kinder über den Weg.

Ich war zwar noch sehr klein, als meine Familie 1990 vor dem sich anbahnenden Krieg aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh, aber ich kann trotzdem nachvollziehen, was es bedeutet, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Erst haben meine Eltern geschuftet, um meiner Schwester und mir ein Dach über dem Kopf, Verpflegung und den Schulbesuch bieten zu können. Später, als es ihnen möglich war, halfen sie anderen. Bei den Hilfsbedürftigen, die in Jugoslawien geblieben waren, ging es auch um elementare Dinge wie Wasser oder Mehl.

Ihre eigene Geschichte hat Sie sensibilisiert. Wann ging es damit los, dass Sie selber sozial aktiv wurden und worin lag der konkrete Auslöser?

Ich war 17 Jahre jung und hatte meinen ersten Profivertrag beim FSV Mainz 05 unterschrieben. Der Club hatte eine Partnerschaft mit einem Kinderheim-Projekt in der Nähe, bei dem Kinder und Jugendliche zwischen zwei und sechzehn Jahren lebten. Die Eltern waren entweder verstorben, süchtig oder hatten die Kinder misshandelt, sodass die Kleinen nicht das Leben hatten, das man sich für ein Kind wünscht und das es auch verdient. Ich sollte einmal in drei Monaten dort aufkreuzen, um den Verein zu repräsentieren, doch ich ging schnell einmal bis mehrmals die Woche freiwillig hin. Es macht mir einfach Freude, etwas mit Kindern zu unternehmen. Sie sind aufrichtig und ohne Vorurteile.

Was glauben Sie war der Effekt Ihrer Anwesenheit?

Wenn die Heimkinder anderen Kindern begegneten, fühlten sie sich minderwertig, weil sie eben kein „normales“ Familienleben hatten, obwohl diese Normalität, nebenbei gesagt, sowieso eine Illusion ist. Deswegen waren sie gehemmt und schämten sich, was eigentlich gar nicht der Natur eines Kindes entspricht. Jetzt aber, mit einem Profi von Mainz 05 an ihrer Seite, fühlten sie sich respektiert. Sie blühten auf und gingen auf die anderen zu. Zu sehen, welchen Effekt diese paar Stunden in der Woche hatten, habe ich sehr genossen. Als ich dann 2008 zum BVB wechselte, wusste ich schon vorher, dass ich mir hier auch ein soziales Engagement suchen werde.

Neven Subotic

„Wissen Sie, was im Leben absolut entscheidend ist, mindestens genauso entscheidend wie das Geld? Das Netzwerk!“

Welches haben Sie gefunden?

Den Verein Kinderlachen, der dort anpackt, wo der Staat oder das Sozialamt nicht mehr helfen können. Damals haben wir beispielsweise die Aktion „Betten für die Nordstadt“ gestartet.

Gibt es in Deutschland etwa Kinder, die keine Betten haben?

Ja! Bei Zuwandererfamilien zum Beispiel. Viele von ihnen schliefen auf dem Boden oder auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Wie ist denn so etwas möglich? Brauchbare Möbel werden einem doch zum Beispiel in Sozialkaufhäusern für ein paar Euro hinterhergeworfen.

Sie wissen das. Ich weiß das. Jeder, der schon länger hier lebt, weiß das und hat eine Ahnung, wo diese Geschäfte sich befinden und an wen man sich wenden muss. Aber Fremde, die in einem neuen Land ankommen und der Sprache noch nicht mächtig sind, wissen das eben nicht. Ich hätte 1992 auch nicht sagen können, wo ich für fünf Euro eine Matratze herbekomme. (überlegt) Wissen Sie, was im Leben absolut entscheidend ist, mindestens genauso entscheidend wie das Geld? Das Netzwerk! Die Wissenschaft sagt dazu ganz treffend: das Sozialkapital. Sie wissen, zu welchem Amt Sie gehen müssen, wenn Sie Ihren Führerschein verlieren. Geht Ihr Auto kaputt, müssen Sie wahrscheinlich nicht mal in eine Werkstatt, sondern können den Freund eines Freundes anrufen, der sich damit auskennt.

Man müsste sich also nur vorstellen, wie man selber ohne Kenntnisse von Ort, Menschen und Strukturen in einem vollkommen fremden Land strandet.

Und das ohne Eltern, wohlgemerkt! Ein Kollege hat sich neulich um einen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtling gekümmert – wie soll der ohne Hilfe an diese Informationen gelangen? Sicher, es gibt tausend Programme, aber auch die muss man ja erst einmal kennen. Ohne Menschen, die dir bei der Orientierung helfen, wirst du nie deine Matratze für fünf Euro finden. Oder ein Bett. Und selbst wenn – wie bringst du es ohne Hilfe und Auto nach Hause?

Kinderlachen e.V. war aber nur eine Zwischenstation. 2012 schließlich gründeten Sie die Neven Subotic Stiftung, die Anlass für dieses Gespräch ist.

Ein Freund fragte mich, wieso ich nicht eine eigene Stiftung gründen würde. Ich war skeptisch, bestimmt ein halbes Jahr lang. Ich dachte mir, dass Stiftungen doch nur Reiche aufziehen, um dadurch Steuern zu sparen. Natürlich ist dieses Vorurteil Quatsch, sobald man sich näher damit beschäftigt. Mir war allerdings klar – wenn ich so etwas angehe, muss ich tausendprozentig dahinter stehen. Also stellte ich mir die Ein-Euro-Frage.

Was meinen Sie damit?

Wenn ich nur noch einen einzigen Euro zur Verfügung hätte – wofür würde ich ihn einsetzen? Man kann das auch als Eine-Stunde-Frage stellen. Ich habe nur eine Stunde am Tag frei zur Verfügung? Wofür wende ich sie auf? Manche würden antworten: „Für ein Museum!“ Ohne Zweifel, Kultur ist wichtig. Andere aber sagen: „Ein Bett in der Nordstadt ist das Wichtigste auf der Welt!“ Ich habe mich aber gefragt, wieso man Not und Elend immer nur in einem Radius von zwanzig Kilometern rund um das eigene Zuhause betrachtet? Warum nicht in einem anderen Land, oder einem anderen Kontinent? Oder, besser noch: auf dem ganzen Globus? Ich hätte mich ja auch den Missständen in meinem Herkunftsland widmen können. Aber bevor ich einer Nation angehöre, bin ich erst einmal ein Mensch. Also wollte ich den „einen Euro“ oder die „eine Stunde“ dort investieren, wo es am nötigsten ist.

Nun gibt es sehr viele Länder und Menschen, die in Not sind. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Für mich waren zwei Kriterien entscheidend. Erstens: Es sollte thematisch um das elementarste aller menschlichen Bedürfnisse gehen, nämlich sauberes Wasser. Zweitens: Es sollte ein Land sein, das uns Zugang zu den Projekten und eine enge Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern ermöglicht. Ich bin da sehr genau und sorgsam, das ist wahrscheinlich „deutsch“ an mir. (lacht) Zudem ergibt das alles nur dann Sinn, wenn ein Projekt komplett in der Hand der Menschen vor Ort liegt und sie es selber aufbauen. Nur so bekommen die Betroffenen einen Bezug dazu und nicht, wenn einer vorfährt und ihnen einen gebrauchsfertigen Brunnen vor die Nase knallt. In Uganda oder Zentralafrika waren diese Bedingungen weniger gegeben als in Mosambik, wo wir das erste Projekt hatten, oder jetzt in Äthiopien.

Was heißt in diesem Fall „selber aufbauen“? Meinen Sie damit ansässige Ingenieure?

Ansässige Ingenieure, ja, aber auch Gruppen von Menschen, die sich dauerhaft um die Anlage kümmern und ihre Mitmenschen im Umgang damit schulen. Man bezeichnet das als „WASH-Crew“, die Abkürzung steht für „Water, Sanitation and Hygiene“. Sechs Personen pro Brunnen, mindestens die Hälfte davon Frauen. In Zusammenarbeit mit der Gemeinde erstellen sie den „Best Practice“-Leitfaden, eine Art Anleitung sozusagen.

Neven Subotic

„Sie müssen sich vorstellen: Diese Menschen haben vorher noch nie einen Brunnen gesehen.“

Eine Anleitung für einen Brunnen? Kann man da denn so viel falsch machen?

Ja! Zum Beispiel die Kanister offen stehen lassen oder mit ungewaschenen Händen in das frisch gezapfte Wasser greifen, sodass Keime entstehen. Das ist für uns selbstverständlich, aber für die Menschen in der Lebenssituation nicht. Sie müssen sich vorstellen: Diese Menschen haben vorher noch nie einen Brunnen gesehen.

Wie sehen denn die Zustände aus, bevor der Brunnen steht?

Einen Tag werde ich nie vergessen. Wir waren zu Besuch auf einem Gelände, rund eine Woche vor Fertigstellung des Brunnens. Dreißig Meter weiter befand sich ein ausgetrockneter Fluss – in solchen Flussbetten graben die Menschen Löcher, bis Wasser in der Menge einer Kaffeetassenfüllung zum Vorschein kommt. Sie schöpfen das Wasser ab und warten dann, bis es nachgesickert ist. Eine Frau mit Baby holte so Wasser aus dem Boden, das dermaßen dreckig war, dass wir es hierzulande sofort weggegossen hätten. Sie aber gab in Ermangelung an Möglichkeiten ihrem Kind das Wasser, um davon zu trinken. Das ist deren Leben, bevor es Brunnen gibt. Man verbringt den halben Tag damit, Wasser zu suchen.

… welches meistens verseucht ist, da die Bevölkerung ohne Toiletten ihre Fäkalien in die wenigen noch fließenden Flüsse ablässt.

Genau. Grundwasser hingegen regeneriert sich. Wenn der Brunnen einmal steht, muss kaum noch etwas daran gewartet werden, außer einmal im Jahr die Gummidichtung der Pumpe zu erneuern, die weniger als einen Dollar kostet. Früher war dieses Ersatzteil allerdings schwer und häufig nur zu Wucherpreisen zu bekommen. Daher hat der Staat jetzt ein Projekt gestartet, das garantieren soll, dass es Ersatzteile grundsätzlich auch in den Subdistrikten, also den näheren Ortskreisen, gibt. Dabei hilft, dass wir ein Pumpenmodell namens „AfriDev“ verwenden, eine Art Open-Source-Konstruktion. Jeder kann sie nachbauen und sie ist zudem normiert, sodass die Ersatzteile immer passen. Wenn ein Brunnen steht, weiß man: Ab sofort haben 300 Menschen für zwei Jahrzehnte sicher Wasser. Ich meine, wie toll ist das? (lächelt) Lassen Sie mich an dieser Stelle von ganzem Herzen allen Menschen danken, die uns unterstützen. Sie sind die Neven Subotic Stiftung, ohne ihren Einsatz ginge nichts. Und das bedeutet mir sehr viel.

Wie war das für Sie aus der Welt des wohlhabenden Profifußballers heraus, das erste Mal afrikanischen Boden zu betreten?

(überlegt) Puh, da waren sehr gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war es die größte Freude, nach all der Arbeit, die wir hier im Büro geleistet haben, zu sehen, wie die Projekte Wirklichkeit werden. Wobei ich schon sagen muss, dass unser Terminprogramm auf diesen Reisen mörderisch ist. Ein Dienstleister, den man damit beauftragen wollte, würde einem wohl sagen: „Das kannst du mit Geld nicht bezahlen!“ Es ist fantastisch, die Kinder vor Ort kennenzulernen, und die Vorfreude auf den nächsten Besuch steigert sich bei jeder Reise nochmal mehr. (strahlt) Auf der anderen Seite fährt man auf dem Weg zu der Gemeinde, der man gerade hilft, einen langgezogenen Hügel hinauf, der sich schon im Wagen anstrengend anfühlt, während man ein junges Mädchen dabei beobachtet, wie es die Straße entlang zwei 20-Liter-Kanister Wasser raufschleppt. Sie haben vorhin getestet, wie schwer so ein voller Kanister ist. Das ist unvorstellbar, oder? Diese Mädchen machen das jeden Tag. Ich würde es nicht eine Woche schaffen.

Neven Subotic

„Man sieht ein junges Mädchen diese schweren Kanister schleppen, während es eigentlich in der Schule sitzen sollte, und denkt sich: Das ist jetzt ein Mädchen von 663 Millionen Menschen.“

Und das sagen Sie als Leistungssportler!

Leistungssport bedeutet: 90 Minuten Vollgas und danach Pause. Diese Mädchen kämpfen aber jeden Tag um das Überleben, stundenlang, ohne dabei eine Wahl zu haben. Das ist nicht bloß körperlich, sondern vor allem seelisch eine extreme Belastung. Man sieht ein junges Mädchen diese schweren Kanister schleppen, während es eigentlich in der Schule sitzen sollte, und denkt sich: Das ist jetzt ein Mädchen von 663 Millionen Menschen.

Aber wie kann das denn sein? Karl-Heinz Böhm hat schon 1981 seine Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ gegründet und wurde wegen seiner Lebensleistung in Salzburg unter Verwendung äthiopischer Erde bestattet. Die westlichen Industrienationen betreiben seit Jahrzehnten Entwicklungshilfe … und am Ende müssen es doch private Stiftungen wie Ihre richten?

Die Staaten stellen durchaus einiges auf die Beine. Obwohl Äthiopien ein armes Land ist, hat man gemeinsam mit der UNHCR im Norden ein großes Flüchtlingslager gebaut, um Menschen aus dem Nachbarland Eritrea aufzunehmen, in dem Bürgerkrieg herrscht. Ich denke, die Probleme haben damit zu tun, wie wohlhabend wir hier leben. Der Kapitalismus scheint mir dafür verantwortlich, dass wir auf der Welt nicht annähernd gleich sind oder uns grenzübergreifend helfen, sondern jeder seinen eigenen Vorteil sucht.

Ist es nicht eher umgekehrt so, dass gerade die Länder, in denen echte Marktwirtschaft und solide Demokratie Einzug halten, auf die Beine kommen? Wir haben doch keinen Kolonialismus mehr.

Der Kolonialismus hat nicht aufgehört, bloß weil die Besatzer irgendwann abgezogen sind. Er zeigt sich nur anders. Wir bieten hier bei uns ein Kilo Rindfleisch für fünf Euro an und exportieren unsere Überschüsse nach Afrika, wo die Bevölkerung die Ware dann immer noch billiger bekommt als die Produkte ihrer heimischen Farmer. Diese Länder haben sogar Rohstoffe und Bodenschätze, aber es nützt ihnen wenig, weil sie bildlich gesprochen immer noch mit Pfeil und Bogen gegen echte Waffen antreten müssen.

Was sind denn die „echten Waffen“ der Mächtigen?

Zum Beispiel die Bedingungen, die ein Land erfüllen muss, um weiterhin Kredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu bekommen. An diese Hilfen ist gekoppelt, dass die Regierungen vor Ort ihr Land privatisieren und internationalen Konzernen verkaufen müssen. Die greifen natürlich herzhaft zu. Das nennt man „Landgrabbing“. Oder denken Sie an die großen Getränkekonzerne, die den Menschen buchstäblich das Wasser unter den Füßen abzapfen, um es in Flaschen abgefüllt teuer zu verkaufen, während die Leute, die in Sichtweite der Quelle leben, auf dem Trockenen sitzen. Gerade bei Wasser zeigt sich, welche unfairen „Waffen“ man im Kapitalismus einsetzt. Es ist ein Grundrecht, ein gemeinsames Gut, die Lebensgrundlage von uns allen. Etwas so Elementares kann man doch nicht gnadenlos privatisieren.

Neven Subotic

„Der Kolonialismus hat nicht aufgehört, bloß weil die Besatzer irgendwann abgezogen sind. Er zeigt sich nur anders.“

Welches Wasser kann man guten Gewissens kaufen?

Das Wasser von Viva con Agua, mit denen wir auch eine Partnerschaft haben. Zum einen, weil sie einen Teil ihrer Erlöse für Projekte der Wasserversorgung in den armen Ländern, wie wir sie einrichten, spenden. Zum anderen, weil sie ihr Wasser in Deutschland abfüllen.

Gut, dann gehen wir auch in anderen Bereichen über den Konsum und kaufen etwa unser Fleisch nicht beim Discounter, sondern fair gehandelt aus Äthiopien.

Für welchen Preis denn? Ein westlicher Betrieb hat 2.000 Kühe, ein äthiopischer Farmer zwanzig. Überhaupt vergessen wir bei dieser Diskussion immer die komplett ungleichen Ausgangsbedingungen. In Europa ist das Klima perfekt geeignet für die Landwirtschaft – besser geht es nicht. In Afrika hingegen sind Dürren und Ernteausfälle an der Tagesordnung. Mein Lösungsansatz ist eher, dass wir unseren Fleischkonsum reduzieren und zum Beispiel nur noch einmal in der Woche den berühmten Sonntagsbraten essen, anstatt beinahe jeden Tag. (überlegt) Das Seltsame am Kapitalismus ist ja, dass die Wirtschaft angeblich immer wachsen muss. Dass sie keine Verluste machen sollte, mag ja einleuchten, aber die Vorgabe ist, dass sie unendlich wachsen soll. Bleibt sie lediglich auf einem konstanten Niveau, wird sie abgehängt um wie Griechenland zu enden. Dieses Streben nach Wachstum befeuert die Probleme in Afrika, der ganze Kreislauf ist absurd.

Wo schlägt sich das Reduzieren des Konsums in Ihrem Leben nieder? Sie sind ein erfolgreicher Fußballer und könnten sich so gut wie alles leisten.

Was ich früher auch gemacht habe, klar. Ich war jung und dachte, viele Autos machen mich glücklich. Falsch, das tun sie nicht! Ein teurer Wagen macht eine Woche lang Spaß. Danach ist er einfach nur ein Fortbewegungsmittel, das mich wie jedes andere von A nach B bringt. Heute fahre ich ein acht Jahre altes Modell, ich besitze nur noch ein Viertel der Garderobe von früher und spende weiterhin Klamotten, die ich eigentlich kaum trage. Und eine vierstellige Miete zahle ich in der Dortmunder Innenstadt auch nicht. Noch ein Beispiel: Gestern habe ich per Hand etwas auf einem Blatt notiert, und eigentlich war der Zettel voll, aber ich musste noch ein paar Worte schreiben. Ich dachte mir dann: „So, die quetschst du jetzt auch noch rechts daneben, dann muss ich kein neues Blatt Papier nehmen.“ (lacht) So ticke ich mittlerweile.

Unter Ihren Fußballkollegen müssen Sie damit ein Exot sein wie damals Thomas Broich, der als Kulturmensch Mozart hörte und im Feuilleton der Zeitungen Gastkolumnen schrieb. 99 Prozent der Sportskameraden verstanden ihn so wenig, dass er 2010 nach Australien auswanderte.

Viele meiner Kollegen sagen: „Wirklich super, was du machst, aber ich könnte das nicht.“ Ich würde eher sagen: „Doch, das könntest du schon.“ (lacht) Aber es stimmt, ich lebe durchaus in meiner eigenen Welt. Es gibt immer den einen Menschen, den die Mehrheit einer Gruppe nicht versteht. Wieso hört der Broich Mozart? Wieso rennt der Subotic immer mit seinem Laptop herum, anstatt auf der PlayStation eine Runde FIFA zu spielen? Der Punkt ist: Man muss nicht verstehen, warum jemand etwas macht, aber man sollte es respektieren. Ich widme im Grunde meine gesamte Freizeit der Stiftung und der Weiterbildung.

Neven Subotic

„Viele meiner Kollegen sagen: ‚Wirklich super, was du machst, aber ich könnte das nicht.‘ Ich würde eher sagen: ‚Doch, das könntest du schon.‘“

Laufen Sie dabei nicht Gefahr, auszubrennen? Ein körperlich zehrendes Leben als Leistungssportler und dann auch noch in jeder freien Urlaubswoche in Afrika unterwegs?

Das klingt, als würde mich jemand dazu zwingen, dabei möchte ich nirgendwo anders sein. Jeder Mensch ist verschieden, aber ich könnte mich im Urlaub nicht auf einer spanischen Insel in die Sonne legen. Mir persönlich gibt es Kraft und Energie, meine Freizeit mit sozialem Engagement zu verbringen. Kennen Sie das Buch „The Happiness of Giving“? Darin sind viele Stifter und Aktivisten beschrieben, die für mich Vorbilder darstellen. Natürlich achte ich auf mich, gerade weil ich das möglichst bis an mein Lebensende machen will. So schlafe ich acht Stunden in der Nacht, weil ich weiß, dass ich mit weniger dauerhaft keine meiner Aufgaben erfüllen könnte. Bis 4 Uhr morgens auf sein und danach noch Bundesliga kicken oder eine Stiftung betreiben, funktioniert nicht.

Schauen Sie privat Fußball?

Nein. Vielleicht mal ein Champions-League-Finale, wenn Freunde Zeit haben. Das ist spaßig. Alleine würde ich mir das nicht angucken.

Und die Sportpresse mit den neuesten Meldungen über Transfers und Statistik?

Sie mag es entspannen, das genau zu verfolgen, weil es nicht Ihr Beruf ist, aber mir macht das privat keine Freude. Es hilft mir nicht, zu wissen, weswegen welcher Verein diesen oder jenen Transfer getätigt hat.

Aber Sie verfolgen doch die Entwicklungen sicher aus Eigeninteresse? Immerhin sind Sie selber als Spieler ein Objekt dieses Marktes.

Früher habe ich jede Leistungsnote gelesen, die die Fachpresse mir für das vergangene Spiel gegeben hat und viele Artikel, die über mich geschrieben wurden. Das ist aber Unsinn. Das Einzige, was für mich zählt, ist das Wort meines Trainers, des Team-Managers und meiner Teamkollegen auf dem Platz. Aus diesen Primärquellen muss ich Urteile oder Planungen für die Zukunft schöpfen. Alle anderen Quellen kann ich mir getrost sparen. Was wieder die berühmte Frage aufwirft: „Was mache ich, wenn ich nur eine Stunde übrig habe?“ Wissen Sie, was ich mache? Ich besuche Seminare von Experten über Wirtschaft oder Ökologie oder lese viel über diese Zusammenhänge. Die Zeitung ‚Le Monde diplomatique‘ gibt zum Beispiel regelmäßig den „Atlas der Globalisierung“ heraus. Das macht mir Spaß.

Globalisierungskritiker betonen gerne die „Grenzen des Wachstums“. Die Kinder, die dank Ihnen in Äthiopien vernünftig zur Schule gehen können, brauchen aber Wachstum in ihrem Land. Wovon träumen die?

Bildung bedeutet eine Explosion der Möglichkeiten und die Entwicklung von neuen Perspektiven. Lernen ist alles! Das fängt bei der „Best Practice“-Gebrauchsanweisung zum Umgang mit dem Brunnen an und geht in der Schule weiter. Sprachen, Geografie, Mathematik… Bildung zeigt den Kindern, was es bedeutet, ein Mensch mit Möglichkeiten zu sein. Wer nichts lernt, kann immer nur nach hinten schauen, aber niemals nach vorn. „Mein Vater war Bauer und sein Vater auch, also ist mein Weg vorbestimmt.“ Wie Sie wissen, praktiziert man bis heute in vielen afrikanischen Ländern die Beschneidung der Frau. Eine Studie fand heraus, dass in Familien, denen Bildung zukommt, die Rate der zwangsbeschnittenen Mädchen von 70 Prozent auf zwei Prozent gefallen ist. Überlegen Sie mal, von 70 auf 2 Prozent! Was für ein Effekt! In einem Land mit 100 Millionen Einwohnern, das dreimal so groß ist wie Deutschland, ergibt das sehr viele Mädchen, die diese Maßnahme nun nicht mehr erleiden müssen.

Neven Subotic

„Bildung bedeutet eine Explosion der Möglichkeiten.“

Was äußern die Kinder denn für Berufsträume?

Ein Junge namens Khedir Abdu erzählte uns eines Tages, seine Familie sei früher immer vom Wasser krank geworden. Keiner konnte sich das erklären, schließlich hatten schon die Großeltern dieses dreckige Wasser getrunken und überlebt. Durch die Schule begriff der Junge überhaupt erst einmal, was Keime eigentlich sind, wie Krankheiten entstehen. Er sagte uns ganz aufgeregt: „Ich will Arzt werden.“ Sie müssen dabei bedenken, dass der Junge in seinem Leben noch nie einen echten Mediziner besucht hat. Aber die Bildung machte es vorstellbar. Ein anderer Junge war das erste Mal in einem Geschäft in der Stadt gewesen und will nun unbedingt Kassierer werden. (lacht)

Im Grunde geht es nicht um Wasser, sondern um Zukunft.

Deren basalste Grundlage das Wasser ist. Gibt es Wasser und Hygiene, gibt es Schulen und Chancen. Was für eine Last von den Schultern der Jungen und Mädchen fällt! Und das sogar im wörtlichen Sinne, da sie nicht mehr kilometerweit die Kanister schleppen müssen.

Herr Subotic, wir haben heute Abend in Ihnen einen liebenswerten, klugen und vollständig in sich ruhenden Mann kennengelernt. Derselbe Mann stand am 11. April 2012 vor seinem konsternierten Gegner Arjen Robben, der gerade einen Elfmeter verschossen hatte, und brüllte den Mann, der im Grunde soeben die Meisterschaft versenkt hatte, auch noch wie am Spieß an – für Fußball-Fans eine wahrhaft ikonische Szene. Sind Sie ein anderer Mensch, sobald Sie den Platz betreten?

Man wird zum Tier. Jeder Profi ist während der 90 Minuten komplett in diesem Modus. Niemand denkt nach und man plant auch nicht, dass man den Gegner aggressiv anbrüllt, wenn er gleich den Elfer verschießen sollte. Es passiert einfach. Wer beim Sport die Ruhe hat, darüber nachzudenken, welche Pizza er sich abends wohl bestellen wird, wird kein Profi.

Wie empfinden Sie es hinterher, wenn Sie sich selbst in solchen Bildern sehen?

Immerhin hatte ich eine Menge Disziplin, schließlich habe ich Arjen ja nicht mal berührt. (lacht) Wissen Sie, mich hatte seine Schwalbe zuvor einfach bodenlos geärgert. Die Amerikaner spotten über Fußball nicht umsonst, wenn sie sagen, dass das doch dieser Sport ist, wo ein Mann fällt, wenn ihn nur ein Windhauch trifft. Wer bei der kleinsten Berührung fällt, zerstört ein Spiel, das für mich körperbetont und aggressiv bleiben sollte. Man kann sich hinterher, wie beim Boxen auch, die Hand geben, aber auf dem Platz sollte es zur Sache gehen. Stolz bin ich auf die Aktion mit Robben allerdings auch nicht.

- Anzeige -

Mit einem Abonnement von GALORE erlangen Sie nicht bloß freien Zugriff auf sämtliche Interviews aus unserem Archiv sowie jedes neu in der Print-Ausgabe veröffentlichte Gespräch - Sie tun auch noch was Gutes! Im Rahmen unserer Aktion "Lesen hilft Menschen" kommen ab sofort 5 Euro aus jedem abgeschlossenen Abo einer von zehn wohltätigen Organisationen zugute.

Jetzt GALORE abonnieren

Zur Person

Neven Subotic wurde 1988 in Banja Luka (heute: Bosnien und Herzegowina) geboren und wanderte 1990 angesichts des drohenden Bürgerkriegs in Jugoslawien nach Deutschland aus. Bis Ende der Neunziger lebte er in Schömberg bei Pforzheim. Von der Abschiebung bedroht, bewarb sich die Familie 1999 bei der US-Botschaft erfolgreich um eine Einwanderungserlaubnis und zog in die USA. Zurück in Deutschland, debütierte der Innenverteidiger 2006 beim FSV Mainz 05 und folgte seinem Trainer Jürgen Klopp 2008 nach Dortmund, wo er mit dem BVB zweimal deutscher Meister und einmal Pokalsieger wurde. 2012 gründete er die Neven Subotic Stiftung, der seither abseits des Sports sein ganzer Einsatz gilt.

Teilen Sie dieses Interview: