Literatur

Buch der Woche

„Sasha Marianna Salzmann - Außer sich“

Suhrkamp · 11. September

Buch der Woche - Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Salzmann Sasha Marianna Salzmann blickt in ihrem Debütroman „Außer sich“ durch den Nebel am Bosporus und erzählt eine Geschwistergeschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Klar, jede Geschichte braucht einen Schauplatz. Aber man merkt ja sehr schnell, ob der Autor dabei nur die Fototapete aufspannt oder ob die Orte leben, vibrieren, die Erzählung durchpulsen und vorantreiben. Wie bei Sasha Marianna Salzmann. Weite Teile ihres Debütromans „Außer sich“ spielen in Istanbul. Und wie diese zerrissene Metropole am Bosporus ihr den Boden bereitet für eine weitverzweigte Familiengeschichte, das ist schon außergewöhnlich. Salzmann beschreibt – so en passant wie präzise – eine Patchworkstadt, zusammengenäht aus Fetzen von Historie und flüchtigen Identitäten, eine Unraststätte des ewigen Übergangs, durchzogen vom Geruch nach süßem Tee und Tränengasnebel. Als Transitmenschen sind auch ihre Protagonisten unterwegs, die Zwillinge Ali und Anton. Vor Zeiten mit den Eltern aus Russland nach Berlin emigriert, haben sie sich in der Gegenwart aus den Augen verloren. Von Anton ist eine unbeschriebene Postkarte aus Istanbul eingetroffen, Ali sucht ihren verschollenen Bruder nun in der Türkei. Schläft auf verwanzten Sofas, lässt sich treiben, begegnet Katho, der früher mal Katharina hieß und sich mit Testosteronspritzen zu seinem wahren Selbst verhilft. Immer wieder wechselt Salzmann dabei die Perspektive. Spürt den Wegen der Eltern nach, die als russische Juden in Deutschland nie wirklich eine neue Heimat gefunden haben. Geht zurück bis zu den Geschicken der Großeltern, in deren Leben die Entwurzelung schon begann. Kratzt damit auch an den Sedimenten der Weltgeschichte, den Verflechtungen von Russland, Osmanischem Reich und Deutschland. Und kehrt immer wieder zurück ins Istanbul von heute, wo die Gewalt jederzeit jäh einbrechen kann und das Fortgehen trotzdem keine Alternative ist. „Istanbul ist ansteckend“, heißt es einmal, „das Istanbul-Gefühl war schlimmer als Wüste“. Anton beschreibt an anderer Stelle: „Das Licht floss wie der Saft eines ausblutenden Granatapfels in das Goldene Horn“. Jene dem Namen spottende Kloake also, die angeblich die Japaner kaufen und reinigen lassen wollen. Wer ungetrübte Romantik will, soll sich einen Palmenstrand suchen. Salzmann, die bislang vor allem als hellsichtige Theaterautorin in Erscheinung getreten ist, hat schon seit längerem einen zweiten Lebensmittelpunkt in Istanbul. „Außer sich“ ist gefärbt von dieser Erfahrung, wie überhaupt von Salzmanns Lebens- und Familiengeschichte, ohne dass man dem zuviel Bedeutung beimessen müsste. Aber man merkt eben, dass ihr Blick durchdrungen ist von einer Liebe zur Stadt, die nichts idealisiert. Schon gar nicht die politische Lage der Gegenwart. In der queeren Community, in ihrem überwiegend kurdischen Viertel, sind Übergriffe Alltag. Salzmann hat die Stimmung in einem Gespräch mal sehr schön beschrieben. Weniger sei es die resignative Melancholie, die Orhan Pamuk als „Hüzün“ beschreibe. Sondern ein „melancholischer Aktivismus“ auf den Straßen. Dazu passt, dass Salzmann ihrer Geschichte keine ungetrübte Auflösung gönnt, wohl aber Hoffnung. „Istanbul ist ansteckend“ – das jedenfalls beglaubigt „Außer sich“ mit jeder Zeile.

Patrick Wildermann (Foto: Esra Rotthoff)

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