Musik

Album der Woche

„Kai Schumacher - Beauty In Simplicity“

Neue Meister/Edel · 1. September

Album der Woche - Kai Schumacher - Beauty In Simplicity

Foto: Marvin Böhm

Schumacher Berlin Mitte an einem der wenigen Sommertage in diesem Jahr. Kai Schumacher wirkt entspannt, sein kurzer Auftritt am Vorabend war präzise und stimmig – ein voller Erfolg.

Sie spielen häufig in Planetarien. Wie kommt’s?
Dort stehen Surround-Systeme mit bis zu 80 Kanälen zur Verfügung. Man kann klanglich völlig verrückte Sachen dreidimensional im Raum anordnen – kein Konzertsaal kommt da heran. Und auch die Kuppel spielt eine Rolle, denn man kann sie mit Visuals bespielen, sodass die Musik auf eine ganz neue Art erlebbar wird.

Es geht also um Komplexität. Doch was ist nun das Schöne im Einfachen?
Es ist eine enorme Herausforderung, seine künstlerische Arbeit zu reduzieren – gerade bei Pianisten, die aus diesem romantischen, virtuosen Gedanken kommen. Ich habe selbst klassisches Klavier studiert und jahrelang das entsprechende Repertoire gespielt, bis ich mich fragte: Warum kann man nicht all diese Scheinemotionen weglassen und sich aufs Wesentliche konzentrieren? So bin ich an Komponisten wie Erik Satie, Morton Feldman oder später Steve Reich und Philip Glass hängen geblieben, die die Idee der Reduktion so überspitzten, dass wiederum ein riesiger Klangteppich entstand. Einfachheit kann also ganz verschieden definiert werden und darum ging es mir.

Ihr Label nennt Ihr neues Album ein „Set zwischen Meditation und Manie“. Wie stehen Sie dazu?
Das trifft es ziemlich gut. Einerseits gibt es Stücke wie „Music For Airports“ von Brian Eno, die viele fast als zäh empfinden, andererseits Werke von Reich oder Moderat, in denen man permanent etwas um die Ohren geballert bekommt. So ist von Ambient bis Techno quasi alles möglich.

Sie setzen punktuell Verfremdungseffekte am Flügel ein. Warum?
Die Beschränkung auf die Tastatur war mir zu wenig, gerade als ich irgendwann merkte, was es hinter den Tasten noch gibt und was sich dort durch Klangverfremdung erreichen lässt. Man kann mit einem Flügel ganze Drumsets nachbauen!

Sie arbeiten als Dozent an der Folkwang-Universität der Künste in Duisburg. Inwiefern findet sich diese neue Popularität des Klaviers in Arbeitsweise und Fantasie der Studierenden reflektiert?
Überhaupt nicht. Anfangs habe ich mal eine Rundmail mit YouTube-Links verschickt – die Studierenden kannten nichts davon. Leider ist die Musik der Nachkriegszeit ein absolutes Nischenthema, das in der Pianistenausbildung unter den Tisch gekehrt wird. Tatsächlich betrachte ich es ein bisschen als meine Aufgabe, die ganze Bandbreite des Klaviers darzustellen. Wenn man die richtigen Einstiegsstücke als Köder auswirft, klappt das manchmal schon ganz gut.

Fazit:
Nach Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated“ (2009), dem Cover-Album „Transcriptions“ (2013) und der nachtwachen Interpretation fünf namhafter US-Komponisten auf „Insomnia“ (2015) widmet sich Kai Schumacher auf seiner vierten LP der Minimal Music von Satie bis Moderat. Persönlich und eindringlich, feingliedrig und doch von gewaltiger Sogkraft.

Friedrich Reip