Gratis-Interview Meinolf Ellers

Meinolf Ellers

„Gutenberg wäre heute Start-up-Gründer.“

Autor:
Fotos:
  • Pressefoto
Kategorien:
Leserbewertung:

10.02.2014, Hamburg. Meinolf Ellers ist einer der wenigen Journalisten, der das Internet bereits frühzeitig mit offenen Armen empfangen hat. Kein Wunder also, dass er schon vor knapp 30 Jahren mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in einer WG in Münster über die Zukunft des Journalismus debattierte. Als Geschäftsführer von dpa-infocom bekommt er heute hautnah mit, welche Spuren die fortschreitende Digitalisierung bei Verlagen, Nachwuchs und Institutionen hinterlässt. Im Rahmen der Social Media Week Hamburg spricht er deshalb mit weiteren Entscheidern der Branche – und mit GALORE – über den Wandel der Medien- und Digitalwirtschaft. Seine Extra-Dosis an „Next Media“ holte sich der HSV-Fan übrigens während seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Japan.

- Anzeige -

Herr Ellers, Sie sind Geschäftsführer der dpa infocom, der Digitaltochter der dpa. Was genau verbirgt sich dahinter?

Meinolf Ellers: Oft reduziert die Fachöffentlichkeit die dpa auf einen Lieferanten von aktuellen Informationen und Nachrichten. Die dpa-Gruppe ist aber sehr viel breiter aufgestellt, ich beschreibe das immer gern mit dem berühmten Eisbergmodell: Über unser Nachrichtengeschäft nimmt man nur die Spitze wahr, aber unter der Wasserlinie liegen noch viele andere interessante Dinge. Wir haben innerhalb der dpa-Gruppe eine sehr gute Arbeitsteilung zwischen Berlin und Hamburg. In der Hauptstadt liegt mit dem Newsroom das Herz der dpa-Gruppe, in Hamburg kümmern wir uns um inhaltliche und technische Dienstleistungen. Dazu gehört etwa die infocom als Multimediadienstleister, aber auch die Mecom als Logistikdienstleister für Inhalte oder eben unsere PR-Tochter News Aktuell, die am Markt sehr gut angenommen wird.

Verstehen Sie sich deshalb eher als Agenturmanager, wie man ihn etwa aus der Kreativbranche kennt?

Da ist schon ein großer Unterschied, denn eine Nachrichtenagentur ist im Kern natürlich getrieben durch unabhängigen Nachrichtenjournalismus und das heißt letztlich, dass wir sehr viel näher am Kulturgut Journalismus liegen als am Wirtschaftsgut Journalismus, wie es vielleicht für PR oder Werbung gilt.

Es ist ein Dauerthema: Magazine schließen, Stellen werden abgebaut. Können Journalisten in Zeiten der Krise nicht doch etwas von Werbern und anderen Kreativen lernen?

Also nochmal, ich bin kein Werber, aber setze mich natürlich auch mit grundlegenden Trends auseinander, die sich um Begriffe wie ‚Native Advertising‘ oder ‚Content Marketing‘ gruppieren. Das tun Werbefachleute vermutlich auch.

„Was mich aber seit dem Start der Digitalisierung begeistert hat, waren die unendlichen Möglichkeiten, Geschichten anders und ohne Limits zu erzählen.“

Wie gehen Sie grundsätzlich mit neuen Trends um? Spüren Sie eine Notwendigkeit, stets ganz vorne mit dabei zu sein, oder warten Sie eher ab?

Was aktuell passiert ist ja, dass Marken in großem Umfang Budgets aus klassischer Werbung und Anzeigen abziehen und an anderer Stelle investieren. Das kann beispielsweise im Content Marketing liegen, um direkt – über hochwertige redaktionelle Inhalte – mit den Zielgruppen ins Gespräch zu kommen und zu interagieren. Wir alle kennen das Beispiel von Felix Baumgartner und Red Bull, aber mittlerweile gibt es viele weitere beeindruckende Projekte.

Aber wenn Marken die Storys generieren: Wer braucht dann noch Journalisten?

Interaktion oder Engagement bekomme ich im Netz nur über starke Inhalte. Die werden von den Leuten geteilt, kommentiert und mit eigenen Inhalten angereichert. Das Erstaunliche an dieser Stelle ist ja gerade, dass die Marken selbst sagen: „Wir brauchen dafür guten Journalismus“. Das ist auch für die dpa ein wichtiger Trend.

Hat die Digitalisierung Sie in Ihrem Selbstverständnis als Journalist nicht ordentlich durchgeschüttelt?

Überhaupt nicht. Obwohl ich einen ganz klassischen Weg in den Journalismus gewählt habe. Das heißt, ich war schon während des Abiturs freier Mitarbeiter bei einer Tageszeitung und habe nach dem Volontariat dann bei dpa die ganze Schiene durchlaufen: Reporter, Ressortleiter und später Auslandskorrespondent. Im Digitalen bewege ich mich seit 1996 – dem Start des Medien-Internets in Deutschland.

Gehörten Sie zu denjenigen, die am heimischen Computer herumgeschraubt haben?

Das war mir damals alles sehr fremd. Was mich aber seit dem Start der Digitalisierung begeistert hat, waren die unendlichen Möglichkeiten, Geschichten anders und ohne Limits zu erzählen. Bei den Tageszeitungen musste ich immer in ein Layout reinproduzieren, da hieß es: Du hast für dein schönes Thema, wie toll das auch ist, heute leider nur 50 Zeilen. Bei der Agentur war das schon besser, ich konnte viel mehr Themen machen. Als Auslandskorrespondent habe ich drei bis vier Berichte und Reportagen pro Woche geschrieben, das wäre bei Zeitungen oder Magazinen einfach nicht möglich gewesen.

Welchen Einfluss hat das Web dann auf Ihre Arbeit genommen?

Es wurde noch einmal eine Grenze weggenommen. Was immer du brauchst, um deine Geschichte optimal zu erzählen: Es ist alles da, du kannst alles nutzen! Und heute stehen wir da und können als Journalisten alle Kanäle, alle Plattformen, alle Medienformate nutzen, über Social Media interagieren und die Nutzer miterzählen lassen. Also im Prinzip ein 360-Grad-Storytelling. Als ich in diesem Job vor über 30 Jahren anfing, hätte ich mir nie ausmalen können, dass das je möglich wird.

Ist das Internet also nicht weniger als die größte mediale Umwälzung seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert?

Absolut! Doch es ärgert mich ehrlich gesagt immer, wenn beharrungswillige Menschen in Redaktionen als Gutenbergfraktion bezeichnet werden. Ich empfinde das als große Ungerechtigkeit, denn Gutenberg war Steve Jobs und Larry Page in Personalunion – einer der größten Innovatoren der Menschheitsgeschichte und vor allem einer der größten Disruptoren, denn der Buchdruck hat ja damals tatsächlich das Meinungs- und Informationskartell der Kirche gesprengt. Das war eine unglaubliche Revolution und ich denke, der junge Gutenberg hätte heute gute Ideen für ein oder zwei Start-ups.

Wie passen Beharrlichkeit in den Redaktionen auf der einen und die technologische Disruption durch das Web auf der anderen Seite zusammen?

Naja, man könnte jetzt darüber spekulieren, ob es überhaupt Geschäftsmodelle oder Gruppen von Unternehmern gibt, die über Generationen hinweg innovationsfreudig geblieben sind. Das ist aber eine sehr grundsätzliche Diskussion, da müsste man schon philosophisch oder psychologisch werden. Wir alle lieben es ja, wenn wir im Laufe unseres Lebens in so etwas wie den Flow kommen. Damit meine ich: Ich fühle mich in dem, was ich tue, total sicher. Ich habe die Mechanismen und Automatiken gelernt und ich kann den Energieaufwand langsam reduzieren, weil ich mich gut fühle.

Wie kann der „Flow“ den Journalisten helfen?

Ich glaube, dass sich jeder einen Flow wünscht. Journalisten und andere Berufsgruppen kommen damit jedoch schnell an Grenzen, wenn Veränderung ins Haus steht. Journalisten meiner Generation sind in Zeitungshäusern sozialisiert worden: Wir machen ein gutes Blatt und erreichen viele Menschen. Zusammen mit den Skandinaviern machen wir die besten Regionalzeitungen der Welt. Aber genau das wurde zu unserem Problem, denn plötzlich kommen Menschen und predigen die 360-Grad-Multimedia-Story. Dafür gibt es keinen Flow und noch keine Routinen. Und wenn ich über 40 bin, fällt es natürlich schwer, die alten Routinen zu verlassen und zu sagen: Ich fange noch mal etwas völlig neues an.

- Anzeige -

Mit einem Abonnement von GALORE erlangen Sie nicht bloß freien Zugriff auf sämtliche Interviews aus unserem Archiv sowie jedes neu in der Print-Ausgabe veröffentlichte Gespräch - Sie tun auch noch was Gutes! Im Rahmen unserer Aktion "Lesen hilft Menschen" kommen ab sofort 5 Euro aus jedem abgeschlossenen Abo einer von zehn wohltätigen Organisationen zugute.

Jetzt GALORE abonnieren

Seite 1 von 3