Gratis-Interview

Anne-Sophie Mutter

„Wir sollten unseren Beruf relativieren: Wir sind keine Neurochirurgen.“

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6. Oktober 2017, München. Auf den Aufzug zu warten, ist nicht ihr Fall. Das Interview findet im 4. Stock eines Fünf-Sterne-Hotels statt. „Prima“, sagt sie, da könne man doch auch über die Treppen rauf. Anne-Sophie Mutter, zierlich, aber voller Energie, ist so gekleidet, dass rasche Bewegungen möglich sind. Statt der enganliegenden Couture-Roben, die sie bei ihren Auftritten trägt, besteht das heutige Outfit aus einem rosa Shirt mit blauem Blazer darüber und einer beigefarbenen Hose. Der Blick der Violinistin ist wach, ihr Ton heiter, ihre Botschaften ernst. Am nächsten Tag geht es nach Monte Carlo, dann auf den Jakobsweg, aber jetzt ist erst mal Zeit für einen ehrlichen Blick auf die Welt – und sich selbst.

Frau Mutter, Sie haben zwei Hunde. Wie werden Sie begrüßt, wenn Sie nach Hause kommen?

Da hat sich in den vergangenen acht Jahren nichts geändert. Bonnie und Clyde, beides Zwergrauhaardackel, bellen, springen hoch und rennen im Kreis. Die Begeisterung ist jedes Mal groß, es ist ein Erstaunen darüber, dass ich wieder auftauche. Ob Hunde ein Zeitgefühl haben, ist nicht erwiesen. Aber es gibt die Theorie, dass Hunde nach zwei Wochen beginnen, sich verlassen zu fühlen, weil dann in ihnen die Erkenntnis erwächst, dass da ein Abschied stattgefunden hat.

Demnach sollten zwei Wochen Abwesenheit nicht überschritten werden.

Länger als 14 Tage bin ich allein schon wegen meiner beiden Kinder nie von zu Hause weg gewesen. Das ist die maximale Trennungsphase. Als Musiker ist man immer ein wenig zu häufig unterwegs. Dass unser Beruf so viele Reisen mit sich bringt, ist eine bittere Note. Man muss Menschen, die man liebt und die man braucht und die einen lieben und brauchen, zurücklassen. Aber es gibt nun mal Dinge im Leben, auf die man keinen Einfluss hat. Ich kenne weder Selbstzerfleischung noch Selbstmitleid, weil ich in einer Situation bin, die nicht perfekt ist. Ich halte es mit einem Zitat aus der „Fledermaus“: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“

Wenn es keine Hunde gäbe, würde ich nicht leben wollen, bekundete einst Philosoph und Pudelliebhaber Arthur Schopenhauer. Welchen Stellenwert besitzen Hunde für Sie?

Ich bin mit Hunden aufgewachsen. Der erste Hund, den wir hatten, war ebenfalls ein Zwergrauhaardackel. Später holten wir Hunde aus dem Tierheim. Auch zu anderen Tieren habe ich einen starken Bezug, sei es zum Vogel, sei es zum Eichhörnchen. Es gibt in mir eine große Empathie Tieren gegenüber. In jungen Jahren hatte ich deshalb eine Phase, in der ich mich fleischlos ernährt habe. Dann bin ich wieder in den Bequemlichkeitsmodus zurückgefallen. Viel zu lange. Ich bin entsetzt über mich selbst, dass ich erst jetzt wieder zum Vegetarier wurde. Als ich noch Fleisch einkaufte, habe ich mich damit beruhigt, dass ich nur Fleisch von Tieren kaufe, die ein anständiges Leben hatten. Trotzdem, es ist ethisch nicht vertretbar, dass ein Tier überhaupt erst produziert wird, damit wir es essen können. Diese Massentierhaltung kann keinem Konsumenten egal sein.

Und wenn doch?

Ich denke an George Orwells Fabel „Die Farm der Tiere“: Irgendwann wird die Natur hoffentlich über uns richten.

Wie schlimm muss es kommen, bevor es besser kommen kann?

Tschernobyl und Fukushima mussten passieren, so schrecklich das war, damit sich die Menschen von dieser Art der Energiegewinnung deutlich distanzieren, damit die dezidierte Suche nach alternativen Energien überhaupt beginnen konnte. Dabei wusste man ja schon lange, was in einem Atomkraftwerk schiefgehen kann oder dass das mit dem Restmüll ein Problem ist – schon vor 50 Jahren hat man sich die Frage gestellt, wohin damit. Es ist auch keine Neuigkeit, dass wir unsere Meere nicht als Müllhalde benutzen können. Aber wir hören erst zu, wenn uns die Natur ganz laut ins Ohr schreit.

Das Trägheitsprinzip des Menschen.

Man könnte auch sagen: das Prinzip „Brot und Spiele“. Wir haben uns nicht sonderlich weiterentwickelt. Das Bewusstsein für das, was wirklich wichtig ist im Leben, ist nicht einfach so da, es lässt sich daher nicht automatisch auf Empathie oder Fürsorge bauen. (überlegt) Wissen Sie, wie viele heimische Vogelarten in den vergangenen 80 Jahren für immer verschwunden sind? Es ist verheerend. Die Umwelt wurde in den letzten 50 Jahren in geradezu astronomischer Geschwindigkeit ausgebeutet, sie ist zerstört worden. Irgendwann bekommt der Erdrutsch, der auf die Zerstörung folgt, so eine starke Eigendynamik, dass eigentlich jeder Konsument das wahrnehmen muss.

Wachheit ist nötig.

Sie schadet nicht.

Wie kritisch sind Sie anderen gegenüber?

Sehr kritisch. Und zudem noch sehr ungeduldig. Es ist nach wie vor eine große Schwäche von mir, dass ich voraussetze, dass man mitdenkt und immer zwei Schritte im Voraus plant. Aber da muss ich mir an die eigene Nase fassen, da ich ja auch nicht perfekt bin. Wenn ich mich dabei erwische, ärgere ich mich darüber, dass ich schon wieder in diese alten Muster verfallen bin. Auch wenn man es nicht immer merkt: Inzwischen atme ich viel öfter durch, versuche, Dinge ziehen zu lassen. Vielleicht auch ein Vorteil, wenn man über 50 ist.

Wie gehen Sie mit sich selbst um, wenn Sie erkennen, dass Sie nicht an den Maßstab herangekommen sind, den Sie sich selbst gesetzt haben?

Wenn ich etwas mache, mache ich es gerne gut. Beispielsweise beim Kochen: Die wenigen Dinge, die ich koche, kann ich gut, ich bin aber auch hochbegeistert, wenn man mich auf Fehler hinweist, weil ich wahnsinnig gerne lerne. Früher, als Schülerin, war ich noch extrem empfindlich. Im Laufe des Lebens habe ich mir das abgewöhnt. Ich liebe es, wenn viele brillante Köpfe zusammenarbeiten, weil es dann nur besser werden kann.

Sie gelten als ausgesprochen diszipliniert.

Das täuscht.

Haben Sie sich jemals erlaubt, sich gehen zu lassen?

Im letzten Urlaub mit meinen Kindern, in Apulien, habe ich mich richtig runtergefahren. Ich habe ihnen gesagt, dass sie die Ausflüge planen und einfach machen sollen, ich setze mich dann ins Auto. Die beiden waren fast geschockt: Mama, was ist los mit dir? (lacht)

Sind Sie der Typ, der 14 Tage lang am Strand liegen kann?

Nur mit guten Büchern. Das letzte Mal, als ich am Strand war, hatte ich „Anna Karenina“ von Tolstoi dabei. 1400 Seiten, die Art Romane, bei denen ich hoffe, dass sie so schnell nicht zu Ende gehen. Wer keine Wälzer mag, dem kann ich die Kurzgeschichten von F. Scott Fitzgerald empfehlen, eine ideale Lektüre für den Urlaub. Ohne einen riesigen Koffer voller Bücher verreisen wir, meine Kinder und ich, nicht. Jeder beginnt mit einem Buch, wir tauschen sie dann untereinander, lesen sie reihum und abends sprechen wir darüber. Was mir auch guttut, ist das Gehen. Nächste Woche bin ich wieder auf dem Camino unterwegs, auf dem Jakobsweg. Eine 220-Kilometer-Etappe. Wenn ich in der Natur bin, kann ich nur staunen und vergesse alles um mich herum.

„Mit meiner Violine konnte ich eine lebenslange Beziehung eingehen, wie sie sich in meinem Leben mit einem Wesen auf zwei Beinen nicht verwirklicht hat.“

Wann haben Sie zum letzten Mal in der Natur gestaunt?

Vor zwei Tagen erst, da war ich in Kitzbühel. Ich habe den Babyeichhörnchen beim Futtersuchen zugeschaut und beobachtet, wie sie das vergraben – bis der Eichelhäher kam, um das Futter immer wieder auszubuddeln. Das Wechselspiel habe ich vom Haus aus mit einem Feldstecher beobachtet.

Worin sind Ihre beiden Kinder Ihnen ähnlich?

Sie haben viele der guten Eigenschaften ihres Vaters. Und von mir auch ein paar gute. (lacht) Bescheidenheit ist eine Zier, die lob ick mir, sagt der Berliner. Ich denke, dass ich diese Bescheidenheit meinen Kindern weitergegeben habe, auch meine Zielstrebigkeit, aber genauso meine Ungeduld.

Haben Sie sich gewünscht, dass Ihre Kinder in Ihre Fußstapfen treten?

Meine Kinder haben sich in der Musik ausprobiert, das war mir wichtig. In ihrer Entwicklung habe ich sie aber möglichst frei gelassen. Was mir nicht immer leicht fiel. Bei meiner Tochter habe ich versucht, den Flötenunterricht mit zartem Druck aufrechtzuerhalten. Sie hat das mir zuliebe bis zum Abitur gemacht und dann gesagt, Mama, jetzt ist gut. Mein Sohn hatte eine wunderbare Klavierlehrerin, die zweimal die Woche zu uns kam und vierhändig mit ihm gespielt hat. Sie hatte die Begabung, ihn auch durch die Teenagerjahre zu bringen, indem sie Stücke fand, die der Gemütslage des heranwachsenden Mannes entsprachen. So blieb er ganz von selbst dabei.

Der Pianist Lang Lang wurde von seinem Vater regelrecht gequält, so weit, dass dieser ihn nach einer enttäuschenden Leistung anschrie, er sei es nicht wert zu leben, und ihm befahl, vom Balkon zu springen.

Extremer Druck hin zur absoluten Perfektion, die es eh nicht gibt – das ist kein Weg. Kinder sollten sich mit einem Instrument ausprobieren können, ohne dass Eltern gleich auf eine Wunderbegabung schielen. Es ist wichtig, eine Phase des Suchens zuzulassen. Das Kind sollte zu einem Instrument finden können, das etwas in ihm zum Schwingen bringt. Und das kann ein ganz anderes sein, als die Eltern es sich vorstellen.

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