Berlinale

GALORE berichtet zur Halbzeit der 68. Internationalen Filmfestspiele in Berlin

GALORE berichtet zur Halbzeit der 68. Internationalen Filmfestspiele in Berlin

Foto: © Berlinale2018 aus "Damsel"

Ein Fazit lässt sich zur Halbzeit ziehen: Die diesjährige Berlinale ist auf dem besten Weg, als Filmfest mit erstklassigem Staraufgebot für eher mittelmäßige Filme in die Festival-Geschichte einzugehen. Schrecklich gutes Beispiel, die Westernkomödie „Damsel“. An Promotion-Willen und –Einsatz der Hauptdarsteller Mia Wasikowska und Robert Pattinson wird es nicht gelegen haben, wenn diese bluttriefende Albernheit im wilden Westen an der Kasse kein Knaller wird.

Ob „Damsel“ überhaupt jemals deutsche Kinoleinwände erreicht, ist auch noch gar nicht geklärt. Zwar sind Männer, die weibliche Signale falsch interpretieren, per #metoo-Debatte so akut wie nie zuvor. Und Pattinson gibt sich als Freier mit rauchendem Colt alle Mühe das perfekte Abziehbild eines solchen Idioten zu sein. Doch wenn es darauf hinausläuft, dass das Publikum zusammen mit der Braut nur noch genervt die Augen verdreht, dann ist das nichts anderes als ein filmischer Schuss nach hinten, mitten durchs Zwerchfell. Immerhin stellten sich Wasikowska und Pattinson mutig der Kritik in Berlin, wobei ihnen auch schon mal das shiny-happy Starface verrutschte. Apropos Männer. Auch deren vergeistigte Variante kommt in diesem Wettbewerb nicht viel besser weg, wie sich nach drei cineastischen Schwergewichten mit Schriftsteller-Schicksalen zeigt. Im ersten Fall, „Dovlatov“, lamentiert, debattiert und hadert sich der junge Sergei Dowlatow (Milan Maric) durch die Leningrader Intellektuellen-Szene der frühen, nikotinschwangeren 70er Jahre. Dass er in den 80er Jahren ein gefeierter US-Autor wird, den man posthum in den 90ern in Russland wiederentdeckt, erzählt Regisseur Alexey German Jr nach 126 Minuten allen Nicht-Russen per finaler Texttafel. Die französische („Eva“ von Benoit Jacquot) und deutsche („Transit“ von Christian Petzold) Variante des Themas dreht sich jeweils um Männer, die sich die Identität von frisch verstorbenen Schriftstellern und deren letzte Manuskripte aneignen. Das hat für beide Femme fatale Folgen: Gaspar Ulliel verfällt der dominanten „Eva“ in Gestalt der zeitlosen Isabelle Huppert; Franz Rogowski trifft als Georg in Marseille auf die entfremdete Ehefrau des toten Literaten (Paula Beer). In ihrem 1944 veröffentlichten Roman „Transit“ verarbeitete die jüdische Schriftstellerin Anna Seghers ihre Flucht vor den Nazis. Marseille wird darin zur Hoffnung auf Freiheit und Hoffnung – vorausgesetzt, man hat alle Transitvisa für die Zwischenstationen beisammen. Regisseur Petzold gibt der alten Geschichte ein aktuelles Gewand und muss dabei nicht weit ausholen, damit die geistige Transferleistung gelingt. Lange Schlangen an amtlichen Schaltern und das Warten in kleinen Zimmern mit großer Ungewissheit sind heute so akut wie einst. „Transit“ wird als der bisher beste Film im Wettbewerb gehandelt, Franz Rogowski gehört zu den European Shooting Stars der diesjährigen Berlinale. Vom beidem wird man wohl noch viel hören.

Edda Bauer