Kino

Kinostart der Woche

21.06. I The Rider

Kinostart der Woche - 21.06. I The Rider

THE RIDER

Weltkino • 21. Juni

Pferdegeflüster

Mensch, Tier und Natur verschmelzen in einem feinfühligen Filmporträt, das zwischen Stoizismus, Stille und Zärtlichkeit rangiert. Ein Western von heute.

TheRiderBrady Blackburn ist das, was man in Romanen als „alte Seele“ bezeichnen würde, und gleichzeitig jemand, der wohl noch nie einen Roman gelesen hat. Dafür hat Brady andere Leidenschaften. Er ist im Indianerreservat aufgewachsen, ein enges Gelände, dem er einen möglichst weiten Horizont abtrotzt, wie man ihn ab und zu noch erblicken kann. Vom Rücken eines Pferdes aus zum Beispiel, oder von der Ladefläche eines Pick-up-Trucks, oder bei einem Lagerfeuer mit den Kumpels draußen in der Prärie. Brady ist Rodeo-Cowboy, genau wie sein Freund Lane, doch den kann man dieser Tage nur noch im Pflegeheim antreffen. Seit einem Sturz ist er gelähmt und gerade noch in der Lage, sich seine größten Erfolge auf Handyvideos zu vergegenwärtigen. Auch Brady ist ein Versehrter. Sein letzter Abwurf resultiert in einer langwierigen Rekuperationsphase, an deren Ende ihn die finanzielle Aufgeschmissenheit erwartet. Weil das in South Dakota momentan so gut wie allen so geht, verliert Regisseurin Chloé Zhao wenig Worte über die existenziellen Nöte ihrer Protagonisten, die in „The Rider“ besser beleuchtete Versionen ihrer selbst spielen. Es ist ein Film ohne Selbstmitleid, ohne American-Dream-Parolen und mit höchstens beiläufiger Grandezza – die Art Western, die übrigbleibt, wenn die fotogenen Hauptdarsteller die Stadt verlassen haben und nur noch die Komparsen und ihre Pferde die Stellung halten. Den quasi-dokumentarischen Stil teilt sich der Film mit Zhaos Debüt „Songs My Brother Taught Me“, der ebenfalls unter den Nachkommen von Amerikas Ureinwohnern angesiedelt ist. Beide Werke haben wiederum die präzise beobachteten emotionalen Momente gemeinsam, die sich zwischen scheinbar beiläufig eingefangenen Szenen entwickeln. Worte sind bei „The Rider“ insgesamt nicht das beliebteste Kommunikationsmittel. Die meisten von ihnen scheinen schon gesagt worden zu sein, wenn man die Personen des Films zum ersten Mal trifft, und ihre Aussagekraft ist im gleichförmigen Präriealltag beschränkt. Dafür stehen Blicke hoch im Kurs, und nicht nur solche unter Menschen. Als Brady der unbezähmbare Hengst Apollo anvertraut wird, wirkt es wie eine Begegnung zweier Seelenverwandter oder der Anfang einer doppelten Genesung. Auch für den Zuschauer: Je länger der Film dauert, desto stärker wird der Sog, der von seiner Landschaft, seinen Menschen und ihren Träumen ausgeht.

Markus Hockenbrink