Kino

Kinofilm der Woche

„Immer noch eine unbequeme Wahrheit“

Paramount · 7. September

Kinofilm der Woche - Immer noch eine unbequeme Wahrheit

Dass das Kino ein effektives Hilfsmittel im Kampf gegen den Klimawandel sein kann, hat Al Gore bereits vor elf Jahren mit der Dokumentation „Eine unbequeme Wahrheit“ erlebt. Nun kehrt der ehemalige Politiker mit der Fortsetzung „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ vor die Kamera zurück. Denn es gibt in Zeiten von Trump mehr zu tun denn je.

Elf Jahre ist es her, dass der Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“ in die Kinos kam und hohe Wellen schlug. Nicht, dass damals der Klimawandel noch kein Thema gewesen wäre. Doch vor allem in den USA war dieses größtenteils so wenig im Bewusstsein verankert, dass Ex-US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore es zu seiner Mission machte, darüber aufzuklären. Nicht zuletzt dank seines Mitwirkens wurde der Film zum Überraschungserfolg im Kino und sogar mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Nun kommt mit „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ (Regie führten statt Davis Guggenheim dieses Mal Bonni Cohen und Jon Shenk) die Fortsetzung in die Kinos – und die Zeiten könnten kaum unterschiedlicher sein. Einerseits scheinen Themen wie Klima und Umweltschutz omnipräsent, und sei es auch nur, wenn sich mal wieder alle über die zu kalten Sommer oder ungewohnt heftigen Unwetter beschweren. Andererseits scheint gerade wieder jeder mühsam errungene Fortschritt auf dem Spiel zu stehen, seit US-Präsident Donald Trump den Pariser Klimavertrag aufgekündigt hat und auch beim G20-Gipfel in Hamburg in dieser Richtung keine neuen Vereinbarungen getroffen werden konnten.
Als wir Gore, der sich für den Film monatelang um die ganze Welt begleiten ließ, zum Interview während der Filmfestspiele in Cannes treffen, hatte Trump seine Entscheidung noch nicht verkündet. Seine Sorgen äußerte Gore dennoch schon: „Natürlich verkompliziert es die Situation in Sachen Klimaschutz, wenn Trump aus dem historischen Abkommen aussteigt. Und ich sehe das Risiko, dass andere Länder die Gelegenheit nutzen, es den USA nachzumachen. Daran, dass die Amerikaner eine Vorreiterrolle beim Umstieg auf erneuerbare Energien spielen, wird sich allerdings nichts ändern. Viele Städte und Bundesstaaten haben sich – unabhängig von der Bundesregierung – der Sache schon zu 100 Prozent verschrieben. Große Konzerne wie Apple und Google stehen ebenfalls kurz davor. Den Carbon-Verschmutzern gehen langsam die Argumente aus.“
Vor elf Jahren hatte Gore gewarnt, dass es bald zu spät sein könnte für die Welt, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen würden. Stehen wir also längst vor einer Katastrophe? „Es ist immer noch nicht zu spät, die schlimmsten Konsequenzen der Klimakrise zu verhindern. Einige Maßnahmen wurden ja immerhin umgesetzt und beginnen zu greifen. In den USA, China und auch Europa sinken die CO2-Emissionen seit drei Jahren“, betont der Ex-Präsidentschaftskandidat, der allerdings auch keinen ungetrübten Optimismus verbreiten will. „Dennoch ist unsere Lage insgesamt schlechter als damals beim ersten Film. Die Gefahren, denen wir gegenüberstehen, sind größer, als es die meisten Wissenschaftler zunächst angenommen hatten.“
Kein Wunder also, dass er die Zeit gekommen sah, sich erneut an das weltweite Kinopublikum zu wenden: „Meine Botschaft ist nach wie vor, dass es höchste Zeit ist, zu handeln. Allerdings will ich nicht nur vor den wachsenden Gefahren warnen, sondern eben auch zeigen, dass es durchaus Lösungen für die Probleme und damit auch Grund zur Hoffnung gibt. Dass Wichtigste ist nun, dass wir alle gemeinsam auch die Politik davon überzeugen, die nötigen Maßnahmen vorzunehmen.“ Dass viele dieser Maßnahmen in einer Vielzahl von Ländern noch immer keine Selbstverständlichkeit sind (oder – siehe Trump – sogar wieder rückgängig gemacht werden), wäre für viele Aktivisten sicherlich ein Grund zur Verzweiflung. „Natürlich habe auch ich Tage, an denen ich die Hoffnung mal verliere“, gibt Gore zu. „Wenn wir auf die großen Kämpfe der Menschheitsgeschichte blicken – von der Abschaffung der Sklaverei über Frauen-Rechte bis hin zur Gleichberechtigung von Homosexuellen in den letzten Jahren – ist nicht zu übersehen, dass es immer lange gedauert hat und ein erfolgreiches Ende oft unmöglich erschien. Doch schon Nelson Mandela sagte, dass immer alles unmöglich ist, bis es geschafft ist. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es nur noch darum geht, was richtig und was falsch ist – und die Veränderung unausweichlich ist. Dieser Punkt ist beim Klimaschutz bald erreicht, deswegen höre ich nie auf zu kämpfen.“

Fazit

Waren Al Gore und seine Vorträge vor elf Jahren nur ein Bestandteil von „Eine unbequeme Wahrheit“, steht der Amerikaner nun uneingeschränkt im Mittelpunkt. An den Nordpol begleitet ihn die Kamera ebenso wie zu Verhandlungen mit der Weltpolitik. Das kann man bisweilen eitel finden. An der Dringlichkeit seines Anliegens ändert es allerdings nichts. Ein wichtiger und hochaktueller Beitrag.

Patrick Heidmann