Literatur

Christian Kracht

„Die Toten“

KiWi · 8. September
Christian Kracht - Die Toten

Man schreibt das Jahr 1932, den Vorabend von Hitlers Machtergreifung. In der Luft liegt Katastrophenstimmung, der Stummfilm in den letzten Zügen. Der Schweizer Regisseur Nägeli bietet den Nazis an, zwischen der UFA und der japanischen Filmindustrie in Tokio eine „zelluloidene Achse“ zu bauen. Dazu reist er nach Japan, wo er mit dem mysteriösen Masahiko Amakasu einen Gruselfilm drehen soll. Die drei Akte des japanischen N?- Theaters geben Dramaturgie und Tempo vor: Der erste erforscht die vor Grausamkeiten und Erinnerungen strotzenden Träume Nägelis und Amakasus, im zweiten zieht das Tempo an, und die Handlung bricht sich Bahn, im dritten lichtet sich das Tableau, und es kehrt Grabesstille ein. Wenn Literaturerzbischof Denis Scheck einen Autor vorab zum Exklusivgespräch trifft und das Buch mit Attributen wie „brillant“, „virtuos“ und „faszinierend“ bejubelt, kann man ihm Glauben schenken. Man kann ihm aber auch wie Jürgen Kraube (FAZ) Publikumstäuschung und Freundeslob unterstellen. Übertrieben ist beides. „Die Toten“ ist eine kunstfertige, intellektuelle Reflexion über die Zeigbarkeit des Grauens, könnte aber noch besser sein, stünde sich der Roman nicht manchmal mit Detailschwärmerei, Thomas-Mann-Allüren und ins Bescheuerte kippenden Metaphern selbst im Weg.

Hendrik Heisterberg