Musik

Album der Woche

„Sparks - Hippopotamus“

PIAS/Rough Trade · 7. September

Album der Woche - Sparks - Hippopotamus

Auch das 23. Album der very britischen Amerikaner spielt sich zwischen gehobenem Quatsch und hintergründiger Komik ab. Bitte nur nicht „Kult“ dazu sagen.

„Live fast, die young – we’re too late for that“, heißt es recht weit vorn auf der neuen Sparks-LP. Das Privileg, eine schöne junge Leiche abzugeben, hat das Bruder-Duo nicht nur aus ästhetischen Gründen zurückgewiesen, sondern auch aus praktischen. „Dieser Song handelt von jemandem, der lieber ein dekadentes, tragisches Leben à la Edith Piaf hätte als das langweilige Dasein, das er bis jetzt hinter sich gebracht hat“, sagt Russell Mael. „Edith Piafs Leben und ihre Musik waren vor den Augen der Welt ein und dasselbe. Bei uns liegt dann doch eine gewisse Entfernung dazwischen. Unsere Songs repräsentieren eine aufregendere Welt als die, in der wir persönlich leben. Sie sind ‚larger than life’.“ Seit 1972 geben Ron und Russel Mael dieser Überlebensgröße ein Soundgewand, das in seinen besten Zeiten das gesamte New-Wave-Genre befeuerte, und in den Trockenperioden immer noch gut genug für die Charts war. Inzwischen gelten Sparks als ebenso kreatives wie zeitresistentes Unikum. „Wir haben in unserer Karriere die verschiedensten Stile bedient, aber das Gefühl ist immer dasselbe gewesen“, sagt Russell Mael. „Vielleicht machen wir uns da etwas vor, aber wir sind immer noch dieselbe Band von damals.“ Das neue Album heißt „Hippopotamus“ und präsentiert den üblichen erratischen Wahnwitz in Verbindung mit dem dazugehörigen Mir-egal-Alter. Der Titelsong handelt von einem Mann, der verschiedene absurde Dinge (ein Nilpferd, ein Hieronymus-Bosch-Gemälde, einen VW-Bus) in seinem Swimmingpool findet, und darüber erstaunt, aber nicht schockiert ist. „When You’re a French Director“ spielt alle Klischees über französische Filmregisseure durch und konnte dafür sogar ein lebendiges Exemplar begeistern. Leos Carax („Die Liebenden von Pont-Neuf“) ist bei der Persiflage mit von der Partie und lässt sich für die Dauer des Songs mit seiner Hauptdarstellerin ein. „Wie viele Leute aus dem Filmgeschäft hegt er den geheimen Wunsch, in einer Band zu sein“, verrät Mael. „Er fragte uns, ob er mit auf der Platte sein könnte. Wir waren nicht sicher, ob es ihm gefiele. Es ist schließlich nah dran an einer Verhohnepiepelung.“ Sparks sind lange genug im Geschäft, um selbst von Klischees betroffen zu sein. „Eins davon ist, dass uns die Leute für eine Comedy-Gruppe oder eine Eintagsfliege halten“, sagt Russell Mael. „Aber es ist schwer, eine Eintagsfliege zu sein, wenn man 45 Jahre lang durchgehalten hat.“

Markus Hockenbrink

Unser Fazit:
Starke Menschen brauchen angeblich keinen Humor. 45 Jahre lang Schwäche zu zeigen, ist allerdings auch eine Leistung. Auf „Hippopotamus“ schießen Sparks einmal mehr 15 neunmalkluge Songs an die Wand, von denen immerhin die Hälfte im Bewusstsein kleben bleiben. Eine höhere Quote gibt es vielleicht bei Ed Sheeran und Lorde, aber nicht bei echten Exzentrikern.