Musik

Album der Woche

Nathaniel Rateliff & the Night Sweats • Tearing At The Seams

Album der Woche - Nathaniel Rateliff & the Night Sweats • Tearing At The Seams

Foto: Brantley Gutierrez

Tradition ohne Nostalgie – Nathaniel Rateliffs gefühlsintensiver Classic-Rock ist das Beste, was einer Provinz-Jukebox passieren kann.

Rateliffe_CoverBis vor kurzer Zeit hat Nathaniel Rateliff noch eins dieser Leben geführt, die von fern malerisch wirken, von nahem betrachtet allerdings wenig romantisch sind. Der Sänger wuchs in einer abgelegenen Kleinstadt im Bundesstaat Missouri auf und seine Jugend war von Armut und Perspektivlosigkeit geprägt. „Das ländliche Amerika hat sich seit Tom Sawyers Zeiten nicht sehr verändert“, sagt er. „Da wo ich herkomme, gibt es keine großen Angebote und wenn man arm und nicht sehr gut in der Schule ist, bietet einem das Militär oft noch die beste Ausbildung. Der Film „Three Billbords Outside Ebbing, Missouri“ fängt die Stimmung schon recht gut ein: Kleine Städte, kleine Ideen.“ Rateliffs erster Job war eine Stelle als Hausmeister bei genau der Highschool, die er eben erst abgebrochen hatte. Zur Arbeit fuhr er zusammen mit seiner Mutter und wenn im Radio Van Morrison oder The Band liefen, sangen beide mit. Für den Musiker begann sich damals eine Welt zu öffnen. „Das Leben, das in diesen Songs thematisiert wurde, kannte ich gut“, sagt er. „Von da an wollte ich der Mann sein, über den Robbie Robertson schreibt und über den Levon Helm singt.“ Rateliff scharte eine Band um sich, die sich sowohl auf Bluesrock und Folk verstand als auch mit Soul und R’n’B etwas anfangen konnte – den Eckpfeilern der US-amerikanischen Musiktradition. Seine Songs spiegeln das Leben von Menschen, die auf die Jagd gehen, um ihre Familien ernähren zu können, und bringen den mühseligen Alltag auf eine mitreißende Formel, zu der sich prima tanzen und trinken lässt. „Wir haben viel Spaß auf der Bühne, und das vermittelt sich auch den Zuschauern“, sagt Rateliff und streichelt sich zufrieden erst den Bart und dann den Bauch. Zu diesen Zuschauern gehört inzwischen auch ein Publikum, das normalerweise selbst auf der Bühne steht. Künstler wie Leon Bridges, Margo Price, Laura Marling und Damien Jurado schätzen Rateliff als Kollegen und Kumpeltypen. „Das sind Leute, denen man auf Konzerten und Parties immer wieder über den Weg läuft“, sagt der Sänger. „Der beste Ort dafür ist übrigens das Newport Folk Festival. Dort kann man sich hervorragend mit Patti Smith und Roger Waters unterhalten und gleich anschließend mit John Prine auf der Bühne stehen. Aber insgesamt geht es da natürlich schon sehr zahm zu. Nicht wie hinter der Bühne bei den Rolling Stones in den Siebzigern, sondern eher wie bei uns daheim in Missouri.“

FAZIT: Ein bisschen Country-Twang, ein bisschen Outlaw-Blues und dazu das große tätowierte Herz eines Thekenrabauken. Nathaniel Rateliff macht robuste Musik, die eine Hängematte im Stammbaum der amerikanischen Folklore aufgespannt hat und genug Sägemehl für drei Saloons unter den Stiefeln trägt. Ein USA-Urlaub, der einen zuhause besuchen kommt.

Markus Hockenbrink