Musik

Album der Woche

„Liam Gallagher - As You Were“

Warner · 6. Oktober

Album der Woche - Liam Gallagher - As You Were

asyouwere Oasis waren für ihre innerfamiliären Auseinandersetzungen fast berühmter als für ihre Musik. Acht Jahre nach dem Aus der Britpop-Ikonen möchte Liam Gallagher seinen Bruder mit einem möglichst gelungenen Solo-Album aus der Reserve locken. Im Idealfall soll ihm „As You Were“ vor Augen führen, auf welche Kreativkräfte er seit damals verzichtet. Leider muss man dafür erst einmal an Liams Mundwerk vorbei.

Mr. Gallagher, wie fühlt es sich an, mit 45 Jahren endlich eine Solokarriere zu beginnen?
Es fühlt sich fantastisch an, es fühlt sich absolut natürlich an, und ich freue mich, dass ich eine neue Platte am Start habe. So wie ich das sehe, gibt es nur zwei Einstellungen dazu: Entweder die Leute sehen in mir diesen Typen von Oasis oder sie sehen mich als Liam Gallagher. Wenn ich jetzt eine neue Band gründen würde, würde jeder sagen: Fuck off, kein Interesse! Aber die Reaktionen bisher sind vielversprechend. Die Leute kommen gut auf mich klar. Teil einer anderen Band zu werden, würde dagegen nicht funktionieren.

Weil die Leute Sie dann nur wieder mit Oasis vergleichen würden?
Ja. Klar will man lieber in einer Band mit seinem Bruder und seinen Schulfreunden sein, aber das hat scheinbar nicht so gut funktioniert.

Warum eigentlich nicht? Die Gründe, warum sich Oasis getrennt haben, liegen ganz alleine bei Noel. Er wollte einfach unbedingt sein eigenes Ding machen und eine Solokarriere haben. Er kann nicht mit mir in derselben Band sein, weil er weiß, dass ich eine Menge Platz beanspruche, und das gefällt ihm nicht. Ich habe keine Probleme damit, mit anderen in einer Band zu spielen, aber bei Noel muss sich immer alles um ihn drehen. Er denkt, es geht nur um ihn, und nur er allein wäre für unseren Erfolg verantwortlich gewesen. Aber dem werde ich’s zeigen. Noel mag die Songs haben, aber er hat nicht die Stimme. Der einzig logische nächste Schritt war also, dass ich es jetzt alleine versuche.

Werden Sie Ihrem Bruder die neue Platte schicken?
Gott, nein! Der weiß eh schon bescheid. Seine Leute haben bei meinen Leuten angefragt, wann wir sie veröffentlichen, und daraufhin das Veröffentlichungsdatum seiner neuen LP nach hinten verlegt. So läuft das heutzutage.

Andererseits ist Weihnachten auch nicht mehr allzu weit. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Fest im Schoße der Familie und einer Friedenspfeife unterm Baum?
Kommt nicht infrage. Dafür ist unsere Familie auch insgesamt zu dysfunktional. Unser Bruder Paul hat es eine Weile mal mit Vermittlungsversuchen probiert, aber das hat auch nicht funktioniert. Wir sind eben nicht die beknackten Waltons oder der blöde Brady Bunch.

Ihr Album scheint trotzdem darauf angelegt zu sein, Ihrem Bruder eine Oasis-Wiedervereinigung schmackhaft zu machen. Wie schätzen Sie die realistischen Chancen dazu ein?
Nicht sehr hoch. Ich glaube, Noel ist zu weit abgedriftet. Er ist irgendwo draußen in seiner eigenen Sphäre und trinkt Rotwein in seinem Sesssel. Oder Bier, wenn die Kameras dabei sind. Echt traurig. Aber er hängt halt lieber mit prominenten Hohlköpfen rum. Ich sage nur: Bono von U2.

Strenggenommen sind Sie ja selber ein Prominenter. Ja, aber ich wache nicht morgens auf und denke: Wow, ich bin ein Rockstar. Ich bin bloß ich. Rock’n’Roll ist mein Tagesgeschäft, und darüber hinaus habe ich noch ein freches Mundwerk. Und so wird es bis ans Ende meines Lebens auch bleiben. Selbst wenn ich nicht in einer Band wäre, würde ich Scheiße bauen. Ich habe diese Karriere nicht eingeschlagen, um berühmt zu sein. Ich wollte Musik machen, etwas von der Welt sehen, und dabei am besten meinen Bruder dabeihaben. Ich wollte Spaß haben und dabei gut aussehen.

Davon dürften aber doch so gut wie alle Rockmusiker träumen, oder nicht? Das bezweifle ich. Die Musiker von heute geben ein Konzert, kassieren ihre Gage und verpissen sich dann nach Hause und gucken Fernsehen. Ich verlange mehr von meinen Rock’n’Roll-Stars. Ist ein Keith Moon jemals direkt nach einem Konzert nach Hause gegangen? Keith Moon war nämlich nicht bloß ein Schlagzeuger, er war ein Charakter. Mag sein, dass er am Ende den Preis dafür gezahlt hat, aber na und? Ich will Charaktere! Die Stones, die Kinks, die Sex Pistols. Wenn ich mir die jungen Bands angucke, denke ich mir: Für die ist das eine Karriere, kein Lebensstil. Haben die überhaupt ein Leben? Alles, was wir mit Oasis gemacht haben, war Spaß, und wir würden auch jetzt noch jeden in die Tasche stecken, 45 Jahre hin oder her. Denn bevor ich Musik als Karriere zu begreifen beginne, lasse ich es lieber ganz bleiben.

Unser Fazit:
Die große Klappe funktioniert noch, die Stimme klingt auch fit. Das Songwriting zeigt, dass Liam vom großen Bruder gelernt hat: Die Single „Wall Of Glass“ ist praktisch ein Oasis-Stück. Als Köder für eine erneute Zusammenarbeit könnte „As You Were“ durchaus funktionieren, denn Britpop-Blut ist dicker als Wasser, und neben Liams Ego doch noch etwas Platz frei.

Markus Hockenbrink