Musik

Album der Woche

„Charles Pasi – Bricks “

Blue Note/Universal · 29. September

Album der Woche - Charles Pasi – Bricks

Foto: Boris Allin

Bricks Bass, Schlagzeug, Mundharmonika: Charles Pasis erstes Album für ein renommiertes Label macht nicht den Fehler, auf glattgebügelten Klang zu setzen.

Zuerst war da Bob Dylan. Im Alter von 17 Jahren stiefelte Charles Pasi in ein Musikgeschäft, um seinem großen Idol nachzueifern. Der junge Franzose kaufte jedoch keine Gitarre, sondern eine Mundharmonika. Später studierte er Musik in Rom und Paris, sang in einem Gospelchor und lernt diverse Instrumente. Die Mundharmonika blieb jedoch sein liebstes, auch auf seinem ersten Alben ist sie stets präsent. Nun veröffentlicht Pasi mit „Bricks“ Album Nummer Vier, und sein erstes auf Blue Note. Bei dem traditionsreichen US-Label ist er der erste französische Sänger überhaupt. „Ich will die Mundharmonika demokratisieren“, sagte er vor zwei Jahren im Deutschlandfunk. „Sie wurde oft nur für kurze Zwischenspiele genutzt, um ein wenig Farbe in den Klang zu geben, aber kaum einmal für Soli." Auf „Bricks“ dagegen ist das kleine Metallteil Rhythmus- und Soloinstrument, und mit “Burn Out” gar ein flirrendes Instrumental auf der Platte untergebracht, das eher an einen US-Altmeister wie Charlie Musselwhite erinnert denn an einen 33-jährigen Pariser. Der Franko-Italiener, der mit lasziv geöffnetem Mund auf dem Albumcover die perfekte Sexsymbol-Pose einnimmt, gilt bereits als neuer Shooting Star des Jazz. Dabei ist Jazz nur ein kleiner Teil seiner komplexen Musikerpersönlichkeit. Blues, Pop und Soul drücken „Bricks“ ihre Stempel auf, ohne mit unnötigen Instrumenten überladen zu sein. „Bass und Schlagzeug spielen eine zentrale Rolle“, sagt Pasi. „Dass es auf das Wesentliche reduziert ist, hat nichts mit mangelnden Optionen zu tun. Es war harte Arbeit, diesen Sound hinzubekommen.“ Ein Sound, der im besten Sinne altmodisch ist. Nach dem etwas zaghaften Opener „From the City“ explodiert das Album förmlich mit Pasis rauer Mundharmonika auf „Shoot Somebody“. Der Song ist sein Kommentar auf die Bedrohungen unserer Zeit: „Städte befinden sich im ständigen Umbruch. In ein und derselben Stadt gibt es einen Typen, der ausgehen und tanzen möchte, und einen anderen, der rausgehen und rumballern will.“ Das Paradoxon unterschiedlicher Optionen im Leben reflektiert Pasi auch im Albumtitel: „Bricks, also Bausteine, sind ein Symbol des Geschütztseins. Es gibt es aber auch den Stein, den man werfen kann. Das schien mir eine gute Metapher: Zwei Menschen können ganz unterschiedliche Bestimmungen haben, wie zwei Bausteine.“ Charles Pasi mag dunkle Themen haben, am Ende obsiegt jedoch die Lebensfreude. Wie im Gospel seiner Jugend.

Fazit:
In Zeiten überlanger Alben, die für möglichst hohe Chart-Platzierungen bis zum Bersten mit B-Material gefüllt werden, ist „Bricks“ eine wahre Wohltat: 35 knackig produzierte Minuten mit warmen R&B-Grooves, die an Ray Charles erinnern. Die Unplugged-Version von „Shoot Somebody“ hat dagegen beinahe John-Lee-Hooker-hafte Intensität – purer akustischer Blues.

Jan Paersch