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11.05. | Album der Woche

Drangsal • Zores

11.05. | Album der Woche - Drangsal • Zores

Foto: Thomas Hauser/Caroline

Unschockbar

Max Gruber alias Drangsal inszeniert sich gerne halbnackt, mit Waffen in der Hand und scharfem Hass gegen die Idioten da draußen auf der Zunge. Mit Provokation habe das aber höchstens versehentlich zu tun, sagt er. 25 ist er immer noch nicht, aber zwei Jahre nach seinem 80er-geprägten Debütalbum nun mit „Zores“ zurück, das auf ganz andere Art überrascht: mit deutschsprachigen Texten in schlageresken Ohrwürmern.

Max, ist es ein Kompliment, mit Farin Urlaub verglichen zu werden? Ja. Dabei sagen Sie selbst, dass Sie gar kein Ärzte-Fan sind.

Ich finde die Ärzte witzig und wichtig, bin aufgrund meines jungen Alters aber selber nicht mit ihrer Musik großgeworden, mit der man meine jetzt vergleicht. Das ist natürlich kein Argument, ich liebe auch Prefab Sprout und andere Sachen, von denen ich der Meinung bin, dass sie meine Platte viel mehr beeinflusst haben als die Ärzte, und die sind noch viel älter. Am Anfang war ich von dem Vergleich verwirrt, weil ich die Ärzte mit „Unrockbar“ oder „Junge“ verbunden habe, die ersten Songs, die ich von ihnen wahrnahm. Ich wusste gar nicht, welche Musik sie vorher gemacht hatten. Dann habe ich aber Sachen wie „Zu Spät“ gehört, und ich halte Farin Urlaub seitdem für einen unfassbaren Sänger, Songwriter und Gitarristen. Es wird total unterschätzt, wie der Gitarre spielt. Und dieses Schlagereske, Dur-ige, Enthemmte höre ich auch in einigen meiner Songs. Aber der große Unterschied ist, dass meine Musik nicht albern ist. Man kann meine Musik lustig finden, aber sie ist nicht albern. Bei Spaßpunk drehen sich mir die Fußnägel um.

Auf Ihrem ersten Album gab es einen deutschsprachigen Song zwischen neun englischen, auf dem neuen sind es jetzt fast alle. Wie findet man für sich eine Sprache, die Zeilen wie „Gib mir doch bitte deinen Kuss/ Die Lippe wünscht Zusammenschluss“ beinhaltet? Bei meinem Debüt „Harieschaim“ musste mich Markus Ganter als Produzent noch überreden, „Nur dich“ mit aufs Album zu nehmen. Ich wollte das immer trennen, nachdem ich einmal entschieden hatte, Drangsal in der internationalen Amtssprache des Pop zu halten, nämlich Englisch. Als ich dann aber die Tür dazu aufgestoßen hatte, dass Drangsal auch auf Deutsch sein darf oder manchmal sogar muss, ging es darum, mich innerhalb der deutschsprachigen Popmusik zu positionieren und meinen eigenen Duktus zu finden. Es gibt so viele Arten und Weisen, mit der deutschen Sprache innerhalb der Popmusik umzugehen. Es gibt die intellektuelle Schiene wie Jochen Distelmeyer oder Dirk von Lowtzow, und es gibt auch Schnipo Schranke. Das mit dem Kuss bereue ich ein bisschen, weil mir vorgestern noch etwas Besseres eingefallen ist. Ich hatte wie in einem Fiebertraum Wörter im Kopf, die sich ähnlich sind, nämlich „Kissen“ und „Küssen“, und dann dachte ich: „Gib mir doch bitte deinen Kuss/ Bevor ich deine Tränen vom Kissen küssen muss.“ Das wäre viel besser gewesen.

Und schlageresk zu klingen ist etwas Gutes oder Schlechtes? Weder noch. Ich glaube, wer das Album wirklich mit Schlagern vergleicht, hat schon lange keine Schlager mehr gehört. Allerdings ist ein Song wie „Turmbau zu Babel“ auch die offensichtlichste Single, weil der Refrain ein Kotz-Ohrwurm ist und es wichtig ist, Reibung zu erzeugen, wenn man den Newcomer-Bonus nicht mehr hat. Das ist der blödeste Popsong, den ich schreiben konnte. Ich spiele bewusst damit, mit so einem Song vielleicht viele Leute zu verlieren. Aber eben auch zu gewinnen. Nicht mein Problem. (lacht)

Sie reiben sich nicht nur musikalisch, sondern spielen auch außerhalb der Musik gerne mit der Provokation. Aber nie absichtlich. Ich bin immer wieder schockiert, wie leicht es ist, missverstanden zu werden. Mir fällt es immer noch schwer, mich nicht neben Mark Forster zu sehen und zu sagen, wir sind doch beide deutschsprachige Popmusiker. Mir ist schon klar, dass es da einen Unterschied gibt, aber ich halte mein neues Album schon für extrem stumpf und leicht zu verstehen. Letztens hat jemand mein neues Albumcover auf Facebook geteilt und es hässlich genannt, das habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber dann habe ich mir angeguckt, was der sonst für Musik hört und wie die Cover aussehen. Das waren meist irgendwelche Panoramen von der Stadt mit gut leserlicher Schrift drauf. Okay, verstanden.

Sie finden ein Familienfoto mit Waffe als Albumcover nicht provokant? Ich finde, dass das kein zu krasses Bild ist - das bin nun mal ich. Es ist auf der Kirmes entstanden und schon so mit das netteste Foto aus meiner Kindheit. Wenn meine Schwester nackt wäre, würde ich es vielleicht verstehen. Aber mein Vater saß auch ein Jahr lang wegen Waffen im Knast. Glauben Sie, jemand wie ich entspringt einer normalen Familie?

Interview: Britta Helm

Fazit: Wer mit den Ärzten noch nie etwas anfangen konnte, muss auf dem zweiten Drangsal-Album auch höchsten zwei Songs überspringen, um zwischen dem treibenden Schlagzeug, knarzenden Bässen, dramatischen Synthesizern und großen Melodien in einer ganz neuen Art von Deutschpop zu landen. Dass Casper- und Tocotronic-Produzent Markus Ganter ihm wieder zur Seite stand, hört man dem Sound deutlich an, aber die lyrischen Lippenbekenntnisse sind hundertprozentig Max Gruber.