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Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Michael Beier

„Kein Täter werden“

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14.03.2017, Berlin. Professor Beier sitzt, eingerahmt von Bücherregalen, in seinem Universitätsbüro im Institut für Sexualwissenschaft. In genau diesen Räumlichkeiten entdeckte und beschrieb Robert Koch 1882 das Tuberkel, und von diesem Ambiente erhofft sich Beier ähnliche wissenschaftliche Durchbrüche. Sie kämen zur rechten Zeit, denn sein Präventionsprojekt „Kein Täter werden" steckt sich seit 2005 ehrgeizige Ziele. Es geht darum, Pädophilen ein Leben in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen und Kinder auf diese Weise vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

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Professor Beier, Sie forschen seit fast 30 Jahren im Bereich der Sexualwissenschaft. Was hat Sie auf das Thema Pädophilie gebracht?

Ich habe Medizin und Philosophie studiert, und zwar mit Bedacht, nämlich aus einem sehr weitgefächerten Interesse am Menschen. Sexualwissenschaft ist die Disziplin, in der genau das erforderlich ist. Man braucht einen Blick, der mehrere Erkenntnisebenen integriert, und das war in der Sexualmedizin der Universität Kiel möglich. Hier habe ich zu Beginn meiner wissenschaftlichen und klinischen Laufbahn begutachtete Sexualstraftäter nachuntersucht. Mehr als 300 Interviews habe ich damals geführt und dabei fiel auf, dass es eine Gruppe gibt, die seit dem frühen Erwachsenenalter eine sexuelle Ausrichtung auf das kindliche Körperschema, also eine pädophile Sexualpräferenz, aufweist und im weiteren Leben immer wieder Übergriffe auf Kinder begeht. Diese Ansprechbarkeit für das kindliche Körperschema bleibt in der Regel weitgehend stabil, und das Rückfallrisiko ist enorm, wenn diese Menschen nicht behandelt werden. 80 % der sogenannten Kernpädophilen, also derjenigen, die sich ausschließlich zu Kindern hingezogen fühlen, werden ohne Behandlung rückfällig.

Vielleicht kurz zur Klärung: Es gibt Pädophilie, und es gibt Menschen, die sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausüben. Das müssen nicht notwendigerweise dieselben sein.

Das ist tatsächlich eine Unterscheidung, die manchen schwerfällt, aber das gilt grundsätzlich für die Unterscheidung zwischen der Phantasieebene und der Verhaltensebene. Auf der Ebene der Phantasie zeigt sich uns, wie ein Mensch sexuell ausgerichtet ist. Die präorgastischen Masturbationsphantasien sind da der Schlüssel, und wer darüber wahrheitsgemäß Auskunft gibt, der teilt mit, wie seine Ausrichtung ist.

Und diese pädophile Ausrichtung ordnen Sie neben die klassische homo- und heterosexuelle Neigung ein?

Das müssen wir. Ich bin nun schon sehr lange klinisch auf diesem Gebiet tätig und meine, so gut wie alle Erscheinungsformen sexueller Präferenzbesonderheiten des Menschen zu kennen. Und der Beginn liegt meist in der Pubertät. Nehmen Sie als Beispiel den Stiefelfetischismus. Da wird Ihnen der Betroffene auch sagen, dass der Stiefel für ihn im Jugendalter diese besondere Bedeutung bekam, ohne dass er sich das erklären konnte. Und dass er mit 50 diese Ansprechbarkeit immer noch hat. Bei einem Mann, der sich an Frauen orientiert, wird die sexuelle Ausrichtung für ihn auch in der Pubertät erkennbar. Darüber macht sich aber keiner Gedanken. Zu mir ist noch nie ein Mann gekommen, der gesagt hat: Ich stelle mir Geschlechtsverkehr mit Frauen vor, bitte helfen Sie mir. Aber mir sind sehr viele Menschen begegnet, die einer Minorität angehören, Schwierigkeiten in ihren Beziehungen bekommen und einen Leidensdruck verspüren. Um beim Stiefelfetischismus zu bleiben: Diese Menschen brauchen diesen Stimulus, um erregt zu werden, und sind infolgedessen in Sexualkontakten, bei denen dieser keine Rolle spielt, nicht ausreichend erregt. Bei der Pädophilie verhält es sich genauso - der kindliche Körper ist der erregungssteigernde Stimulus, ob derjenige das möchte oder nicht. Der Ausgangspunkt für einen Sexualwissenschaftler ist die Erkenntnis, dass wir uns einer großen Vielzahl sexueller Ansprechbarkeiten gegenübersehen, ohne die menschliche Sexualität nicht zu haben ist. Diese Erkenntnis fällt Kulturen grundsätzlich schwer. Ich sage den Studierenden: Die Natur liebt die Vielfalt - und die Kultur hasst sie.

„Ich wüsste nicht, warum ein Mensch, der pädophil ist und sich voll unter Kontrolle hat, keinen Anspruch auf soziale Teilhabe haben sollte.“

Könnte das auch damit zusammenhängen, dass man sich die jeweiligen Ursachen nicht erklären kann?

Wir können in der Tat nicht erklären, warum der eine einen Stiefelfetischismus entwickelt hat, der andere eine Pädophilie und wieder ein anderer auf das erwachsene Körperschema von Frauen ausgerichtet ist. Es gibt verschiedene Achsen, auf denen sich die sexuelle Präferenz ausprägt. Einmal das Geschlecht, auf das man orientiert ist: männlich oder weiblich. In wenigen Fällen sind es beide Geschlechter. Dann das Körperschema: kindlich, jugendlich, erwachsen. Wobei es auch Menschen gibt, die das Greisenalter ansprechbar finden - und auch damit zurechtkommen müssen. Schließlich die Praktiken, die mit dem präferierten Partner vorgestellt werden. Wir schauen hier also auf einen Querschnitt von Menschen, die alle für sich integrieren müssen, was sich in ihrer Pubertät für eine sexuelle Präferenz entwickelt hat. Sie können nicht darauf hoffen, dass sich diese irgendwie irgendwann verändern wird. Schicksal und nicht Wahl. Die meisten kommen damit auch klar. Aber es ist auch keine Leistung, auf das Gegengeschlecht und das erwachsene Körperschema orientiert zu sein. Da sollte man sich nichts drauf einbilden.

Pädophilie hat es demnach auch schon immer gegeben?

Davon bin ich überzeugt. Der Beweis ist natürlich schwer zu führen. Zum Teil kann man das schriftlichen Dokumenten noch entnehmen, aber wenn Sie an vorgeschichtliche Ethnien denken, geht das natürlich nicht mehr. Ich glaube, dass Pädophilie immer ein Teil der menschlichen Sexualität gewesen ist und auch immer sein wird, und dass dieser Teil wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge bei etwa einem Prozent der Männer liegt.

Warum nur bei Männern? Wäre es nicht denkbar, dass Pädophilie auch bei Frauen auftritt?

Das ist auch so. Es gibt einige wenige Beispiele, die aber sehr rar sind. Wir haben mehr als zehn Jahre Erfahrung hier, und dabei standen 2.000 Männer, die bei uns Hilfe suchten, 20 Frauen gegenüber, bei denen alle - bis auf eine - nicht pädophil waren, sondern nur Angst hatten, es zu sein.

Was also definiert die Pädophilie?

Pädophilie ist die sexuelle Ansprechbarkeit auf das vorpubertäre Körperschema von Kindern, die sich in Begleitphantasien bei sexueller Erregung erkennen lässt. Das lässt sich genau erfassen, denn der Übergang vom Kind zum Erwachsen ist in verschiedene Stadien einteilbar, die sogenannten „Tanner"-Stadien der körperlichen Pubertätsentwicklung. Die Betroffenen können ganz präzise das Körperschema beschreiben, das sie erregt - wenn sie offen und kooperativ sind, also ehrlich Auskunft geben wollen.

„Die Natur liebt die Vielfalt - und die Kultur hasst sie.“

Also ähnlich wie bei Menschen, die auf den Erwachsenenkörper orientiert sind?

Sicher. Sie können schon bei Jugendlichen erkennen, ob das erwachsene Körperschema einen Reiz auf sie ausübt und in ihren Begleitphantasien auftaucht. Heute spielt der Konsum von Pornografie eine beträchtliche Rolle, der aber auch entsprechend den sexuellen Ausrichtungen einzuordnen ist. Bei Menschen, die auf Kinder orientiert sind, ist bei dem großen Angebot im Internet leider die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie sich Missbrauchsabbildungen anschauen. Hier können sie sexuelle Handlungen zwischen Kindern oder zwischen Kindern und Erwachsenen sehen, sowie etwa explizit erotisches Posing, in dem Kinder ihre Genitalien zeigen. Diese Materialien werden zur Masturbation genutzt, weil es dem entspricht, was von den Phantasien her bekannt ist. Seit 2014 bieten wir daher auch für Jugendliche mit sexuellem Interesse für Kinder Diagnostik und Behandlung an.

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