Gratis-Interview

Klaus Staeck

„Ich habe hohe Ansprüche an die Satire.“

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20.02.2015, Berlin-Tiergarten. Ein 50er-Jahre-Bau mit niedrigen Decken und weiten Räumen. Die Akademie der Künste liegt unweit vom Amtssitz des Bundespräsidenten. Und doch ist man irgendwie im Nirgendwo. Der skandalträchtige Plakatkünstler Klaus Staeck hält trotz seiner Heiserkeit wacker durch. Einmal schaut er gebannt aus dem Fenster und freut sich: ein paar Amseln baden in einer Pfütze und ein Hase scheint dem Gespräch zu lauschen. Der Revoluzzer, der als Präsident der Akademie zum Kunstfunktionär wurde, ist gerade 77 Jahre alt geworden. Wir reden über Kunst, Plakate, Politik und über den richtigen Umgang mit Satire.

Herr Staeck, Sie sind in der DDR aufgewachsen, in Bitterfeld. Sie haben einmal einem Journalisten erzählt, dass Sie in der Schule politisiert wurden. Ihr Mitschüler hatte eine bessere Note bekommen, nur weil er ein so genanntes Arbeiter- und Bauernkind war. Stimmt die Legende?

Klaus Staeck: Ja, daher kommt auch mein Gerechtigkeitsfimmel. Als Kind empfindet man so etwas noch viel härter. Wenn ich irgendwo Ungerechtigkeit wittere, will ich etwas dagegen tun. Und die Welt ist voller Ungerechtigkeiten.

Nach dem Abitur sind Sie 1956 nach Heidelberg in den Westen gegangen. Es gab bei Künstlern und anderen Intellektuellen zu der Zeit auch eine Aufbruchsstimmung, die DDR mitzugestalten. Warum war das bei Ihnen nicht so?

Ich komme aus Bitterfeld, einer der härtesten Gegenden, die Deutschland damals zu bieten hatte, vor allem ökologisch. Meine Bronchitis rührt daher. Die halbe Klasse ging damals weg. Das war einfach – man stieg in den Zug und kam nicht wieder. Allerdings weiß ich nicht, was passiert wäre, wenn ich in der DDR einen Studienplatz bekommen hätte…

Lag es an der falschen politischen Kaste, dass Sie nicht studieren durften?

Ich war politisch untragbar. Ich hatte früh gelernt, mich zu entscheiden, ob ich ein Mitläufer werden will, der allen nach dem Munde redet, oder durchhalte, um meine eigene Meinung zu behaupten. Damals musste man in der DDR vor dem Abitur drei Berufswünsche angeben. Mein erster war Filmregisseur, der zweite Architekt, der dritte Kunstlehrer. Zu allen drei Studiengängen wurde ich nicht zugelassen. Ich weiß noch, wie mich der Rektor zu sich bestellte und sagte: Sie werden vielleicht nicht Architekt, aber ich werde dafür sorgen, dass Sie noch eine Maurerlehre machen können. Ich habe ihm meine Hände gezeigt und geantwortet, dass ich großen Respekt vor dem Maurerberuf habe, aus mir aber nie ein guter Maurer werden wird. Dann hab ich mit Hängen und Würgen noch den Führerschein gemacht, weil ich dachte, den braucht man im Westen. Und schließlich habe ich mich mit einem Freund verabredet und wir sind auf getrennten Wegen geflüchtet.

Warum haben Sie dann erst einmal Jura studiert und nicht gleich Kunst?

Eigentlich wollte ich Künstler werden, ganz klar, auch durch die DDR beeinflusst. Ich musste mehrfach den Kunstlehrer vertreten. Damals flohen auch Lehrer, und die jeweils besten Schüler in einem Fach vertraten sie in solchen Fällen. Allerdings hatte ich nicht den Mut, auf eine Kunstakademie zu gehen. Ich komme aus einem eher kleinbürgerlichen Milieu. Die Eltern wollten, dass man etwas Anständiges macht. Ich habe also geschaut, bei welchem Studium man die längste Zeit braucht, um das Examen machen zu müssen – und das war Jura. Damit habe ich mir selbst eine Art Schonzeit zugestanden, um mich als Künstler zu bewähren, um eine Chance zu haben, davon zu leben.

„Ich habe sehr früh begriffen, dass nur der wirklich frei ist, der auch finanziell unabhängig ist. Alles andere ist Rederei.“

Ab wann konnten Sie tatsächlich davon leben?

Ganz spät. Da war ich bereits mindestens 26, 27 Jahre alt, und ich konnte auch nur unzureichend von der Kunst leben. Ich bin immer parallel anderen Arbeiten nachgegangen, habe gekellnert, war Hilfsmonteur – alles, was die Palette des Geldverdienens so bietet. Man macht sich auch keine Vorstellung davon, wie viele Schulden man haben kann. Der höchste Stand waren 250.000 Mark. Mir wird heute noch ganz schwindlig, wenn ich zurückschaue. Ich habe aber deshalb nie eine Nacht schlecht geschlafen. Ich war der festen Überzeugung, dass die Welt auf mich wartet. Das ist natürlich verrückt. Aber Verrücktheit gehört dazu.

Freier Künstler ist vermutlich auch kein einfacher Beruf. Die Frage ist ja, ob man nur frei von Anweisungen ist oder auch frei von Einkommen…

Meist ist man zunächst frei von beidem. Ich habe sehr früh begriffen, dass nur der wirklich frei ist, der auch finanziell unabhängig ist. Alles andere ist Rederei. Der Weg in die freie Wildbahn ist mit einem enormen Risiko verbunden. Trotzdem ist Kunst eine der tollsten Beschäftigungen. Viele werden dann allerdings doch irgendwann Lehrer. Oder sie haben eine reiche Frau. Oder die Partnerin arbeitet für den Künstler. Mein Problem war: Ich war zu stolz, um mit der Mappe unter dem Arm zu Galerien zu gehen, um eine Ausstellung zu erbitten – ich konnte das einfach nicht! Stattdessen habe ich nach einem Weg gesucht, wie man mit seinen Sachen die Menschen direkt erreicht. Ich hatte gelesen, dass Albrecht Dürer seine Blätter auf dem Nürnberger Marktplatz angeboten hat. Das war für mich der Beweis, dass es auch anders gehen kann. Ich musste nur noch andere Künstler finden und einen kleinen Verlag gründen, über den ich auch meine eigenen Sachen mit anbieten konnte.

Bei Ihnen waren das vor allem Plakate. Wie kam es dazu?

Das hatte viel damit zu tun, dass ich mich schnell auf politische Themen festgelegt habe, was generell schwierig ist. Der Kunstfreund nimmt generell übel, wenn sich jemand in seiner Kunst auch politisch äußern will. Zunächst waren es Siebdrucke. Bekannt wurde ich mit dem berühmten Motiv der Dürer-Mutter in Verbindung mit der Frage: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“. 100 Stück, nummeriert, signiert, ich wollte 25 Mark dafür haben. Doch den Leuten war das zu teuer: „5 Mark!“, hörte ich immer wieder. So viel kostete fast schon der Druck. Ich habe mich deshalb gefragt, ob diese Themen nicht viel besser als Plakate funktionieren. In Nürnberg fand 1971 eine große Dürer-Jubiläums-Ausstellung statt. Und es schien mir den Versuch wert, einfach mal im öffentlichen Raum zu plakatieren. Ich habe also über meinen Drucker Gerhard Steidl 330 Litfaßsäulen angemietet und das Dürer-Mutter-Motiv plakatieren lassen. Jedoch nicht als öffentliche Kunstaktion, sondern anonym, um zu sehen, was passiert.

Wie waren die Reaktionen?

Die Leute riefen bei der Stadt an. Die dachten, das wäre eine offizielle Aktion, weil die Litfaßsäule für sie eine Art Autorität darstellte. Dann haben sie bei der Zeitung nachgefragt. Dann hatte ich noch das Glück, dass gerade ein Maklerkongress in Nürnberg stattfand. Die Jusos gaben das Plakat als ihre eigene politische Aktion aus. Plötzlich hatte ich eine große Aufmerksamkeit, und ich wusste, das ist ein Weg. Von dem Tag an war das Plakat mein Medium.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Themen aus?

Jedenfalls sollen es keine Eintagsthemen sein. Ich werde oft fälschlicherweise als Karikaturist bezeichnet. Die arbeiten in der Regel von heute auf morgen für die Zeitung. Wenn sie Glück haben, überlebt eine Karikatur den Tag. Ich suche jedoch nach Themen mit langer Halbwertszeit, auch aus finanziellen Gründen. Für mich ist es erst dann ein gutes Thema, wenn es andere zu ihrem eigenen machen können. Was ich produziere, ist eine Art Demokratiebedarf.

„Ich will nicht der große Zampano sein. Ich will Leute anstiften, selbst aktiv zu werden. Und dafür liefere ich ihnen die Bilder.“

Das müssen Sie erklären.

Ich frage mich stets aufs Neue, ob es einen größeren Bedarf danach gibt. In den großen Zeiten Anfang der Siebziger kam es vor, dass jemand in seinem Dorf für ein Wochenende einen Saal mietete, um meine Plakate zu zeigen – 30 Exemplare für 50 Mark – damit hat er dann das halbe Dorf durcheinandergewirbelt. Ich will nicht der große Zampano sein, sondern die Leute anstiften, selbst aktiv zu werden! Und dafür liefere ich ihnen die Bilder.

In guten Jahren haben Sie mal acht Plakate herausgebracht, teilweise aber auch nur eins.

Leute, die wenig Ahnung von Kunst haben, könnten sich da leicht fragen: „Was macht der Mann eigentlich die ganze Zeit?“ Ja, was macht der überhaupt? (lacht) Es ist eine zähe Arbeit, die aber am Schluss so leicht aussehen muss, dass andere denken: „Diese Idee hätte ich auch haben können.“ Vieles kommt nicht zur Ausführung. Die Leute denken immer, alles entsteht ganz schnell, aber tatsächlich brauche ich oft sehr lange, bis ich endgültig entscheide, dass etwas überhaupt ein Thema ist. Es gibt auch immer Phasen, in denen einem gar nichts einfällt.

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