Eleanor Catton

Eleanor Catton

„Demokratie funktioniert in der Kunst nicht.“

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  • Christian Faustus
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18.11.2015, Köln. Die Besucher des Kölner Literaturhauses sind mit dem Ehrengast dieses Abends schon vor der Lesung bestens vertraut: Wer sich durch die 1.000 Seiten von „Die Gestirne“ gelesen hat, dürfte die ein oder andere Woche in Eleanor Cattons Phantasie verbracht haben. Für den Roman bekam die neuseeländische Schriftstellerin vor zwei Jahren den renommierten Booker-Preis verliehen – als jüngste Autorin bislang. Nun sitzt die inzwischen 30-Jährige in einem warm beleuchteten Hotelcafé und spricht über das neuseeländische Selbstverständnis, literarische Ambitionen und ihre berühmt-berüchtigte Auseinandersetzung mit Premierminister John Key.

Frau Catton, für manche neuseeländischen Begriffe gibt es im Deutschen keine Entsprechung. Können Sie uns erklären, was das „Tall Poppy Syndrome“ ist?

Eleanor Catton: Dazu muss man wissen, dass Neuseeland ein Land mit einer sehr stark ausgeprägten egalitären Geschichte ist, in dem eine gewisse Angst vor Unterschieden herrscht. Egal, ob jemand sich nach oben oder nach unten vom Rest der Gesellschaft abhebt, beides wirkt schnell bedrohlich auf unsere Kultur. Der Ausdruck „Tall Poppy Syndrome“ beschwört das Bild einer Wiese herauf, die von einer hochgewachsenen Mohnblume, der „Tall Poppy“, überragt wird. Die Mohnblüte, so der Gedankengang, nimmt den Gräsern das Sonnenlicht weg, das eigentlich auf sie fallen würde. Natürlich ist die Mohnblume im Zweifel die schönere Pflanze, aber nach der neuseeländischen Mentalität muss sie abgeschnitten werden, denn es ist wichtiger, dass jeder den gleichen Teil Licht abbekommt, als dass man sich an einer schönen Blüte erfreut.

Anfang dieses Jahres wurden Sie vielfach und sehr unvorteilhaft mit der hochgewachsenen Mohnblume verglichen. Was ist da passiert?

Jede Art von Erfolg, die einem international zuteil wird, wird in Neuseeland leicht gereizt aufgenommen. Der Booker-Preis, mit dem ich vor zwei Jahren ausgezeichnet worden bin, ist im Prinzip eine ziemlich britische Angelegenheit: Um in die Auswahl zu kommen, muss man sein Buch in Großbritannien veröffentlicht haben. Bevor ich den Preis verliehen bekommen habe, waren die Kritiken in Neuseeland nicht direkt kritischer, wohl aber hässlicher als überall sonst, was in meinen Augen eine gewisse kunstfeindliche Haltung zum Ausdruck bringt: Bestätigung verschafft man sich gerne auf negative Art und Weise. Ich bin aber der Meinung, dass es bei Kritik darum geht, etwas verstehen und durchdringen zu wollen, und nicht bloß darum, etwas schlechtzumachen. Und echte Kritik nehme ich in Neuseeland leider nicht wahr, jedenfalls nicht in einem kulturell institutionalisierten Sinn.

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