Gratis-Interview  Deutschland summt!

Deutschland summt!

Mehr als Honig im Kopf

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Die Initiative „Deutschland summt!“ kämpft seit 2011 gegen das Bienensterben und für eine bessere Wertschätzung biologischer Vielfalt. Neben einer spektakulären Imkerei-Kampagne setzen die Initiatoren Dr. Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer dabei vor allem auf den Mitmachfaktor gemeinschaftlicher Gartenaktionen und den Spaß an einem unverfälschten Naturerlebnis. Unter dem Motto „Informieren, inspirieren, mobilisieren“ haben sie ein bundesweites Netzwerk aufgebaut, in dem noch jede Menge Waben für neue Bienenfreunde frei sind.

Albert Einstein war es jedenfalls schon einmal nicht. Das berühmte Zitat „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“ wird ihm zwar immer noch ab und zu zugeschrieben, doch das Einstein-Institut hat seine Urheberschaft dementiert, und der wahre Autor ist unbekannt verzogen. Was nicht bedeutet, dass er nicht recht gehabt hätte. „Die Idee hinter diesem Satz ist: Wenn ein so wichtiges Schlüsselwesen wie die Biene als Artengruppe verloren geht, geht auch die Bestäubung zurück“, sagt Cornelis Hemmer. „Und mit der Bestäubung die Befruchtung von Obst und Gemüse. Dadurch käme uns wiederum die Lebensgrundlage abhanden, denn wir müssen ja irgendetwas essen. Und wenn kein Obst und kein Gemüse und keine Sämereien mehr da sind, dann wird es uns schlecht ergehen. Dann müssen wir auf die Bäume klettern und selber bestäuben.“ Keine schöne Vorstellung. Und eine, gegen die Hemmer anarbeitet.

Zusammen mit Dr. Corinna Hölzer hat er im Jahr 2011 die „Stiftung für Mensch und Umwelt“ gegründet, aus der wiederum die Initiative „Deutschland summt!“ hervorgegangen ist. Die Kampagne möchte mit vielfältigen Aktionen auf das Artensterben aufmerksam machen und gleichzeitig Wege aufzeigen, wie wir uns für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur engagieren können – im Zeichen der Biene. „Wir sind beruflich schon lange mit dem Thema biologische Vielfalt verbunden, Cornelis im Naturschutz, in der Szene der Nichtregierungsorganisationen, ich als Selbständige in der Umweltkommunikation“, sagt Hölzer. Sie ist Diplom-Biologin, Hemmer Diplom-Geograph“. Kennengelernt haben sich die beiden vor 15 Jahren bei verschiedenen Naturschutzaktionen. Das Engagement von damals merkt man den Bienenfreunden auch heute noch an, abgeschmeckt allerdings mit einem Sinn für publikumswirksame Öffentlichkeitsarbeit, die das Missionarische in den Hintergrund rückt. „Uns hatte schon immer umgetrieben, dass Naturschutz oft so belehrend rüberkommt, gerade in den Achtzigern, als wir damit groß geworden sind“, erinnert sich Dr. Hölzer. „Das wollten wir nicht mehr. Wir wollten nicht den Zeigefinger erheben, sondern die Massen erreichen. Schließlich interessieren sich seit damals gefühlt immer weniger Menschen für Naturschutz, obwohl die Probleme nicht weniger geworden sind.“

Vor acht Jahren stießen die beiden dann auf eine Möglichkeit, den Naturschutz gewissermaßen auf die sanfte Tour in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und eine Mitmach-Atmosphäre zu kreieren, die ein niederschwelliges Angebot macht. „Im Mai 2010 wurde unsere Idee geboren, sich im Rahmen eines Ideenwettbewerbs von der Bundeskulturstiftung für ein nachhaltiges Berlin einzusetzen“, berichtet Cornelis Hemmer. „Die Aktion nannte sich zunächst ‚Berlin summt! - Honig von prominenten Dächern der Hauptstadt’, für die wir im gleichen Herbst tatsächlich den Zuschlag bekommen haben. Dadurch wurden wir mit einer Starthilfe von 20.000 Euro versorgt, um das Projekt umzusetzen.“ Corinna Hölzer führt aus: „Wir haben schnell gemerkt, dass das Thema, Bienen auf die Dächer der Hauptstadt zu setzen, die Medien unheimlich interessiert hat. Wir wollten aber nicht nur die Medienleute begeistern, sondern vor allem die Führungskräfte der entsprechenden Häuser, denn um die Massen zu mobilisieren, brauchten wir ein Scharnier. Unsere Überlegung war: Jeder Berliner hat ja eine Beziehung zu einer bestimmten Einrichtung. Manche sind eher kulturbegeistert, die gehen dann zum Haus der Kulturen der Welt. Andere gehen gerne ins Naturkundemuseum. Und wenn ihr Museum oder Konzerthaus dann plötzlich Honigbienen präsentiert, und der Hausherr sagt: ‚Ich habe jetzt Honigbienen, weil ich verstanden habe, dass es das Bienensterben gibt und ich mich dagegen einsetzen möchte’ – dann haben wir die Hoffnung, dass der Funke noch einmal anders überspringt. Dasselbe gilt für Politik und Kirche: Das sind Akteure, die sich ganz anders als Kulturschaffende für die Bienen einsetzen können. Deshalb haben wir dann Honigbienen auf das Abgeordnetenhaus gesetzt – und auf den Berliner Dom. Die Bienenbeuten stehen da auch alle noch und wir wissen, dass die Hausherren ihre Honigbienen liebgewonnen haben und sie gar nicht mehr wieder hergeben wollen.“ Auch das war ein Teil der Grundidee: Die Aktion sollte in die Häuser und die Unternehmen hineinstrahlen und aus ihnen wieder raus. Und dann in die Breite: Am Ende standen die Bienenbeuten nicht nur auf den Dächern von Berliner Postkartenmotiven, sondern auch auf der Universität, der Studierendenmensa, der Sparkasse und dem Planetarium. „Ursprünglich hatten wir an sechs Standorte gedacht, am Ende waren es 17“, sagt Dr. Hölzer nicht ganz ohne Stolz. „Die Medien sind wie wild über uns hergefallen, als es im April 2011 losging mit der Bienensaison. Die hatten eben noch nie einen Walter Momper mit Imkerschleier gesehen, der eine Dreiviertelstunde lang in einen Bienenkasten guckt und sagt: ‚Mein Gott, jetzt musste ich so alt werden, bis ich mal endlich Honigbienen sehe. Ich wusste gar nicht, dass die so interessant sind.’ So fing das an.“ Hölzer sieht zu Hemmer herüber, auf dessen Gesicht sich ein Lächeln abzeichnet: „Tja, und acht Jahre später summen wir immer noch und haben ein ganzes bundesweites Netzwerk aufgebaut.“

Die Biene als Botschafterin

Um uns tiefer in das Thema führen zu lassen, besuchen wir Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer in ihrem Stiftungsbüro in Berlin-Zehlendorf. Hier, im Südwesten der Hauptstadt, ragt die Natur noch spürbar ins Stadtbild des Wohnbezirks herein. Die wenige Hundert Meter weit entfernten Naherholungsgebiete Krumme Lanke, Schlachtensee und Grunewald bietet ganzjährig ein Idyll, das wiederholt Eingang ins Berliner Liedgut gefunden hat. Im Sommer kann man hier die Badehose einpacken, Bier mit Waldmeistergeschmack trinken und bläulich schimmernde Libellen über die Wasseroberfläche flitzen sehen, im Winter werden die zugefrorenen Seen von Schlittschuhläufern geschätzt, die das Areal dann in ein Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren verwandeln. Selbst an die Wildschweine, die im Herbst an die Mülltonnen gehen und wenig später auf den Wirtshaustellern landen, kann man sich gewöhnen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Mensch die Umwelt zu lieben scheint, wenn er sich am Wochenende darin breitmachen kann, nur um dann den Rest der Zeit zu vergessen, wie fragil das Zusammenspiel der Ökosysteme und wie entscheidend seine eigene Rolle darin ist. Die Erde als Untertan – ein Missverständnis aus biblischen Zeiten, das immer noch auf die Art und Weise abfärbt, mit der die Menschen ihre fleißigen Schöpfungsgenossen betrachten. „Asseln, Spinnen und Fadenwürmer sind gut fürs Bodenleben – sind aber für die meisten Menschen nicht schön anzusehen“, weiß Corinna Hölzer. „Deshalb braucht man für den Naturschutz ein Symboltier wie den Laubfrosch oder die Langohrfledermaus, das die Leute fasziniert. Es gibt ein paar Tiere, die das schaffen, und die man als Flagge vor sich her tragen kann. Bei einem Bestäuberinsekt wie den Bienen kommt vieles zusammen, weil sie Schlüsselwesen zwischen Pflanzen und Tieren sind. Damit, so der Gedanke, kann man eine Komplexität sehr kommunikativ darstellen. Biodiversität ist ja nichts Neues, aber als weites Thema nicht immer leicht zu vermitteln. Mit den Medien haben wir uns darüber in unserem früheren Leben schon oft vergeblich auseinandergesetzt. Da hieß es dann immer: Biodiversität ist nicht kommunizierbar, überlegen Sie sich mal besser etwas anderes.“

„Wenn kein Obst und kein Gemüse mehr da ist, dann wird es uns schlecht ergehen. Dann müssen wir auf die Bäume klettern und selber bestäuben.“ Cornelis Hemmer

Auch im öffentlichen Bewusstsein stellten sich etwa um die Jahrtausendwende durchaus Ermüdungserscheinungen ein, was das Engagement für Natur und Umwelt angeht. Nach den erlebbaren Tiefpunkten in den Sechziger- und Siebziger-Jahren, als Rhein und Elbe biologisch praktisch tot waren und man im Ruhrgebiet noch fast Atemkrämpfe an der frischen Luft kriegen konnte, spürte man danach lange Zeit einen diffusen Aufwind im Umweltschutz. Nach dem Motto „Wir haben ja Greenpeace und Die Grünen“ wurden dabei auch Verantwortlichkeiten delegiert, die sich nicht immer in Politik niederschlugen. Cornelis Hemmer trifft zusätzlich eine Unterscheidung zwischen Umweltschutz und Naturschutz. „Der Umweltschutz ist ein Bereich, den wir technisch begreifen“, sagt er. „Dazu gehören die erneuerbaren Energien, die Luftreinhaltung, der Atomausstieg. Der klassische Naturschutz ist dagegen das, was wir mit dem Arten-, Biotop- und Lebensraumschutz sowie dem Erhalt der genetischen Vielfalt beschreiben können. Diese Begriffe werden natürlich auch synonym verwendet, aber sie zu unterscheiden ist hilfreich. Denn im Vergleich zum Umweltschutz wurde der Naturschutz, also die Erhaltung der Biodiversität, immer schon eher stiefmütterlich behandelt. Erst 1992 wurde auf der Rio-Konferenz neben dem Klimaschutzprotokoll zur Rettung der Umwelt auch die ‚Internationale Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt‘ verabschiedet. Das Wort war damit zwar geboren, doch die Umsetzung blieb auf der Strecke. Bis heute sind all die erklärten Ziele, den Artenschwund aufzuhalten, gescheitert.“

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