Andreas Göttlich

Andreas Göttlich

„Warten bedeutet Ohnmacht.“

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  • Philip Frowein
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Zur Person

18. Januar 2018, Konstanz. Andreas Göttlich sitzt in seinem lichtdurchfluteten Universitätsbüro auf dem Konstanzer Gießberg und wartet auf das Gespräch. Mit dem Warten kennt sich der Soziologe bestens aus, denn er ist einer der wenigen Forscher, die sich intensiv mit diesem Phänomen befassen. Und weil die Bedachtsamkeit irgendwie dazugehört, hat er auch zum Interview viel Zeit mitgebracht. Ein Gespräch in aller Ruhe also – über Vorfreude, Ohnmacht, den Machtaspekt des Wartens und die auffällige Ungeduld der Deutschen, wenn man für ein paar Minuten vor einer verschlossenen Tür steht.

Herr Göttlich, seit annähernd vier Jahren erforschen Sie das Warten. Haben Sie inzwischen gelernt, sich zu freuen, wenn der Bus mal wieder zu spät kommt?

(lacht) Nein, so weit ist es noch nicht gekommen. Aber ich beobachte die Wartenden viel intensiver, und da kann es durchaus vorkommen, dass ich mich über eine Verspätung freue, weil ich es interessant finde, was dann passiert.

Zu welcher grundlegenden Erkenntnis über das Warten sind Sie gekommen?

Dass sich die Soziologie wie auch die meisten Deutschen im Alltag sehr stark mit den negativen Aspekten des Wartens beschäftigen. Als ich letztens von einer Forschungsreise aus Japan zurückkam, bin ich morgens zum Bäcker gelaufen, der noch nicht geöffnet hatte. Die Verkäuferin sortierte bereits hinter der Glasscheibe die Brötchen, sie hat den Laden drei Minuten später aufgemacht als vorgesehen. Was in dieser Zeit passierte, war für mich sehr befremdlich nach den Erfahrungen, die ich in Tokio gemacht hatte. Dort habe ich sehr geduldige Menschen erlebt, die sich kaum über das Warten beschwerten. Vor der Bäckerei war das ganz anders, die Leute haben sich in den drei Minuten sehr echauffiert.

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