Berlinale 2017

Halbzeitanalyse

Halbzeitanalyse

GALORE Autorin Edda Bauer berichtet für uns während der 67. Filmfestspiele direkt aus Berlin und schildert regelmäßig ihre Eindrücke.


Halbzeit auf der Berlinale 2017 und die Stimmung ist ungewöhnlich gut. Das liegt nicht nur am Sonnenschein, der ein Gefühl von gut klimatisiertem Cannes verbreitet. Es liegt vor allem an „The Party“ von Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter. Knackige 71 Minuten braucht sie, um sieben Vertreter des Establishments kunstvoll auseinander zu nehmen und ihr Leben in Schutt und Asche zu legen. Was sich vorbereitet als Dinner unter Freunden - anlässlich einer bevorstehenden Politkarriere der Gastgeberin als Gesundheitsministerin im britischen Schattenkabinett -, endet nur mutmaßlich ohne Tote. Dabei haben einige der Gäste durchaus scharfe Waffen mitgebracht. Tom (Cillian Murphy) zum Beispiel, trägt eine Pistole in der Tasche und April (Patricia Clarkson), die Tom nur den „Banker Wanker“ nennt, hat für den feierlichen Anlass ihre Zunge durch eine verbale Rasierklinge ausgetauscht. „The Party“ ist eine britische Komödie, die in Hass, Häme und Rachegelüsten badet, aber auch mit gestochen scharfer Selbstanalyse nicht geizt.

Nach dem recht überraschenden Finale brandet im Berlinale Palast des Jahres 2017 zum ersten Mal tosender Applaus auf. Dann taumeln ca.1500 Filmkritiker selig lächelnd in die Sonne und geben sich auf dem Weg zur Pressekonferenz im Grand Hyatt gegenseitig Thumbs-Up, bevor sie sich aus dem Weg schubsen, um einen der viel zu wenigen Plätze im Konferenzsaal zu ergattern. Für die, die das geschafft haben, geht drinnen das Strahlen weiter. Patricia Clarkson, Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz, Timothy Spall und Cillian Murphy schweben auf „Bravo“-Rufen in den Raum. Kurz darauf gibt Regisseurin Sally Potter auf die Frage, warum sie „The Party“ in Schwarz/Weiß gedreht hat, die so kluge wie feinfühlige Antwort: „Dann bleibt mehr Platz für die emotionale Farbe.“ Selten fühlten sich ein paar Hundert Feuilletonisten so gleichzeitig, und doch so individuell verstanden wie in diesem Moment.

Apropos emotionale Farbe. Die traditionell kritischer Prüfung unterzogenen Berlinale-Taschen sind in diesem Jahr wie gemacht für Sally Potters Weisheit. Kolumnistin Edda Bauer hat den Beweis angetreten und beherzt zum Pinsel gegriffen.

Berlinale-Tasche

Edda Bauer