Berlinale 2017

Das T-Wort, Protest und Gleichberechtigung

Das T-Wort, Protest und Gleichberechtigung

GALORE Autorin Edda Bauer berichtet für uns während der 67. Filmfestspiele direkt aus Berlin und schildert regelmäßig ihre Eindrücke.


„Unser Programm ist Protest genug.“ Viel mehr will Festivalchef Kosslick zu diesem „Laiendarsteller“ in Washington, D.C. gar nicht mehr sagen. Auch Richard Gere winkt milde lächelnd ab, als er gefragt wird, ob er zu einem Dinner mit Donald Trump ginge, „glauben Sie mir, der würde mich niemals einladen.“ Die im Stillen vereinbarte Vermeidung des T-Worts macht die Berlinale – traditionell das politischste aller großen Filmfestivals – auch in diesem Jahr beileibe nicht weniger kämpferisch. Doch statt sich auf das Negative von drüben zu stürzen, feiert man hüben das Positive: die Vielfalt an Lebensweisen, Geschichten und Perspektiven, die der Rest der Welt zu bieten hat.

Folgerichtig gibt es auch nur eine einzige US-Produktion im Wettbewerb: „The Dinner“. Doch sogar diese kammerspielartige Gesellschaftssatire á la „Gott des Gemetzels“ basiert auf einem niederländischen Bestseller (Herman Kochs „Angerichtet“ aus dem Jahr 2009) und wurde von dem in Israel geborenen Oren Moverman mit Gere, Laura Linney, Rebecca Hall und dem Briten Steve Coogan in Szene gesetzt. Dass darin Gere, der einstige „Offizier und Gentleman“, als Kongress-Abgeordneter bereit ist, sein Amt aus moralischen Gründen niederzulegen, gehört inzwischen allerdings in die Kiste mit der ideologischen Vortrumpware.

„I Cannot Believe We Are Still Protesting“ heißt es im Gegenzug zu Kosslicks lässig trotzigem Motto auf der alljährlichen Veranstaltung des Internationalen Frauenfilmfestivals Köln/Dortmund. Gleiche Bezahlung und gleiche Verteilung von öffentlichen Geldern an Filmprojekte von Frauen und Männern gilt es immer noch einzufordern. Davon kann auch nicht ablenken, dass knapp ein Viertel der Filme im Berlinale-Wettbewerb von Regisseurinnen inszeniert wurden. 4 von 18 ist zwar die höchste Quote bisher, erreicht zuvor schon einmal im Jahr 2014. Aber ein Grund zum Feiern ist dieser Anteil an weiblicher Beteiligung dann doch eher nicht. Umso mehr aber das hohe Maß an Qualität und Souveränität: Ildikó Enyedi, Teresa Villaverde, Sally Potter und Agnieszka Holland prägen seit 30 Jahren die Filmgeschichte Europas. Ein Begriff sind ihre Namen aber nur eingefleischten Filmfans. Das könnte, das sollte sich ändern. Und das wird sich auch ändern, wenn die dunkelbunte Romanze „Teströl és lélekröl“ (On Body and Soul) der Ungarin Enyedi jemals die deutschen Kinos erreicht. Sexismus trifft auf Autismus, Humor auf Schlachthof und zwei zutiefst überraschte Seelenverwandte finden sich im Traum vom Hirsch. Hach, Frauen schreiben doch immer wieder die schönsten Metaphern über die Liebe.

Edda Bauer